Arbeit ohne Hierarchien

Das Premium-Kollektiv um Uwe Lübbermann produziert faire Cola, Limonade und Bier und will damit den Kapitalismus hacken. Das funktioniert erstaunlich gut

Oktober 1999. Der Neu-Hamburger Uwe Lübbermann liegt in seiner Badewanne und trinkt eine Afri-Cola, seit vielen Jahren sein Lieblingsgetränk. So weit, so gewöhnlich. Nur ist es dieses Mal anders als sonst. Die braune Brause schmeckt irgendwie komisch und auch die gewohnte Koffeinwirkung will nicht so richtig eintreten. Was ist da los?

Uwe fackelt nicht lange und fragt beim Hersteller nach, wo er erfährt, dass Afri verkauft und die Rezeptur verändert wurde. Also gründet er die Interessengruppe „Premium“ und fordert die Rückkehr zur alten Afri-Cola. Doch das geschieht nicht.

Aus Versehen ein Unternehmen gegründet

Durch Zufall kommen die enttäuschten Freunde aber Kontakt zu einem ehemaligen Afri-Abfüller, der ihnen 1000 Flaschen mit der geliebten, alten Afri-Cola-Rezeptur produziert. Und wie das so ist, gelangt die ein oder andere Flasche in Umlauf und auf einmal hat man Kunden. So gründete die Interessengruppe quasi aus Versehen ein Unternehmen. Das war 2001.

Heute gibt es von Premium neben der Cola auch Bioland-Bier, eine Holunder-Limonade und Mate. Das klingt nach einer aufgegangenen Geschäftsidee, wäre aber auch nicht außergewöhnlich – wenn Premium nicht völlig anders arbeiten würde als die meisten anderen Unternehmen. Denn Premium arbeitet als Kollektiv, zu dem nicht nur Mitarbeiter zählen, sondern auch Lieferanten und Kunden.

Es gibt keine klassischen Hierarchien. Die Mitglieder des Kollektivs organisieren sich über ein Onlineboard, in dem über Unternehmensentscheidungen diskutiert und ein Konsens angestrebt wird.

Wie steuert sich ein Kollektiv?

Ein- bis zweimal im Jahr gibt es ein Treffen. „Im Ergebnis sind so viel klügere und viel breiter getragene Entscheidungen möglich”, sagt Uwe. Die Kunst sei es, ein Kollektiv aus unterschiedlichen Leuten so zu moderieren, dass am Ende ein tragfähiges Ergebnis herauskommt.

So wird bei Premium auch über Löhne entschieden. „Stundenkontrollen gibt es aber nicht, jede/r rechnet ab, was er/sie meint“, erzählt Uwe. „Ergänzungen zum Lohn gibt es nur für Kinder und bei Behinderungen. Das bedeutet, niemand kann zum Beispiel durch mehr Leistung finanziell aufsteigen.“

Natürlich wurde das bereits kritisiert. Aber es ist ja gerade ein Kennzeichen von Sozialsystemen, dass die Leistungsfähigeren die weniger Leistungsfähigen mitziehen. So ist gewährleistet, dass der einzige Anreiz, bei Premium zu arbeiten, inhaltlicher Natur ist. Premium-Mitarbeiter arbeiten dort, weil es das ist, was sie tun möchten – und das bei freier Wahl des Ortes oder der Zeit, in der gearbeitet wird.

Leben und Arbeiten auf Augenhöhe

„Das Ganze dreht sich eigentlich nur darum, mit Menschen auf Augenhöhe zu arbeiten. Wenn man das dauerhaft macht, wird man zwar nie Millionär, spart sich aber ganz viel negativen Stress. Ich musste in 13,5 Jahren nur zweimal jemanden rauswerfen“, so Uwe, „insgesamt habe ich so wenig negativen Stress, dass das meiner psychischen Gesundheit auf jeden Fall sehr gut tut. Ich würde es nicht mehr anders haben wollen.“

Uwe Lübbermann ist es darüber hinaus ganz wichtig, dass bei Premium nicht zum Selbstzweck gewirtschaftet wird. Vielmehr will er einen Beitrag zu einem gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel leisten und eine gemeinsame Form des Wirtschaftens etablieren, die das Gemeinwohl als Aufgabe betrachtet und alle Interessengruppen wie Kunden, Lieferanten oder Dienstleister mit einbezieht.

Wenn das gelänge, wäre es die Postwachstumsgesellschaft, in der nicht mehr Gewinn und Wachstum die vorrangigen Ziele sind, sondern Nachhaltigkeit und Konsistenz. Eine Gesellschaft, in der materielle Statussymbole keine vorrangige Rolle mehr spielen. Da müssten aber neben den Unternehmern natürlich auch die Verbraucher mitmachen, und die Politik. Einige machen bereits vor, wie es geht.

Dieser Beitrag erschien auf goodimpact.org

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