Eine poetische Krankengeschichte

Werther Es gibt etwa 800.000 Selbstmorde pro Jahr. Laut einem Bericht der WHO nimmt sich alle 40 Sekunden irgendwo auf der Welt ein Mensch das Leben. Eine tragische Zahl. Vor noch 200 Jahren war die persönliche Tragik eines Freitodes begleitet von der Verdammung durch Mitmenschen und vor allem durch die religiösen Institutionen.

Im 18. Jahrhundert vollzieht sich unter dem Einfluss der Aufklärung ein Mentalitätswandel in der Beurteilung des Selbstmordes. Zum Anfang des Jahrhunderts gilt der Suizid als schwere Sünde im religiösen Sinne. Gegen Ende des Jahrhunderts stellt sich eine für die seelischen Zustände, die zum Selbstmord führen, werbende Haltung ein, welche beispielsweise in Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ Ausdruck finden. Auch wird der Selbstmord nicht mehr strafrechtlich verfolgt.

Die „Bereitschaft, mit Empathie und Mitleid auf die Seelenlage Leidender, von Melancholie und Selbstmordgedanken gequälter Menschen zu reagieren“ entwickelte sich und es ergab sich „im Zusammenhang der aufklärerischen Anthropologie die Tendenz, den Selbstmord als eine Erscheinung innerhalb der Psychopathologie zu betrachten.“[1]

Es galt nun vielmehr, die seelischen und biografischen Hintergründe zu erforschen, die zum Selbstmord führen und dem präventiv entgegenzuwirken, statt den Suizid an sich zu verteufeln und zu sanktionieren. Mit der aufklärerischen Pathologisierung der Melancholie ergeben sich Möglichkeiten der Erklärung und gegebenenfalls der Therapie. Gegen den als reaktionär angesehenen pietistischen Geist „bildet sich eine Einheitsfront von aufgeklärten Anthropologen und philosophischen Ärzten, von Moralisten, Theologen und Literaten.“[2]

In der Zeit der Aufklärung kommt die Lehre des Menschen, die Anthropologie, auf. Sie beschäftigt sich intensiv mit körperlich-seelischen Zusammenhängen, wodurch die Melancholie zwangsläufig ein Untersuchungsgegenstand wird, dessen Ursachen es zu finden gilt. Auch der Philosoph Immanuel Kant beschäftigt sich mit der Melancholie. Sie wird bei ihm, wie auch in anderen anthropologischen Ansätzen, pathologisiert. Jedoch wertet er das Bild des Melancholikers auf und spricht ihm ein Gefühl für das Erhabene und eine besondere Standhaftigkeit zu. Trotzdem weist er darauf hin, dass eine Ausartung des melancholischen Charakters zu Schwermut, Schwärmerei etc. führen könne.

„Entscheidend ist, daß Kant die fatalen Negativelemente auf ihren eigentlichen pathologischen Kern zurückdrängt und der Melancholie […] einen Freiraum für moralische Qualitäten schafft. Damit entlastet er den Melancholiker als Gegenfigur zur Aufklärung und öffnet […] in einer radikalen Wende den Weg zum melancholischen Genie.“[3] Während die Anthropologie empirisch ausgerichtet ist, wendet die Erfahrungsseelenkunde sich individuellen Fällen zu. Einzelberichte über Melancholie-Patienten sind häufig im „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“, dessen Herausgeber Karl Philipp Moritz ist, zu finden.

Seit dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts zeichnete sich eine Entwicklung zu einem neuen bürgerlichen Roman in Deutschland ab, dem empfindsamen Roman, welche einherging mit der Wandlung bestehender Moralvorstellungen und einer erstarkenden Empfindungstheorie. Nicht mehr öffentlich-repräsentative Begebenheiten, deren Schauplatz meist die höfische Gesellschaft war, sondern das Alltägliche, das Familienleben und private Lebensschicksale werden zum zentralen Punkt der Interesse. Die Empfindsamkeit ist geprägt von einem schwärmerischen, hypochondrischen Lebensgefühl, in dem Weltschmerz, Weltflucht und eben Melancholie ihren berechtigten Platz finden.

Der Freitod im zeitgenössischen Diskurs

Johann Heinrich Zedler definiert in seinem Universallexikon den Selbstmord verurteilend gemäß Thomas von Aquin:

„Der subtile Selbst-Mord ist, da man zwar nicht selbst Hand an sich leget; noch die Absicht hat, sich um das Leben zu bringen; gleichwohl aber Anlaß giebt, daß die Gesundheit verderbet und das Leben verkürtzet wird, welches auf verschiedene Art geschehen kann. […] Hernach durch eine unordentliche Lebens-Art, wenn selbige so beschaffen, daß die Gesundheit des Leibes dabey nicht bestehen kann, indem man entweder durch Fressen und Sauffen und andere Debauchen, ingleichen durch übermäßige Arbeit zu viel; oder durch ein geitziges und fiziges Wesen zu wenig thut; und also freventlich und ohne Ursach die Kräffte des Leibes schwächet, daß man vor der Zeit sein Leben beschliessen muß.“[4]

Hiernach bedingen Übermaß und Mangel den subtilen Selbstmord. Da nach theologischer Auffassung nur Gott selbst über Leben und Tod zu entscheiden hat, gilt der Selbstmord als Frevel und schwere Verfehlung. Der Freitod galt sogar als noch schwerwiegender als der Todschlag. Gemeinhin wurde die Leiche eines Selbstmörders mehr oder weniger verscharrt. Nur bei Vorliegen einer Unzurechnungsfähigkeit wurde eine christliche Bestattung, jedoch ohne Zeremoniell zugelassen.

Mit der Aufklärung änderte sich auch die Beurteilung des Suizids hin zu einer differenzierteren und milderen Betrachtung. 1764 schreibt Cesare Beccaria, dass der Selbstmord kein Verbrechen vor den Menschen sei, „mag er auch eine Schuld sein, die von Gott bestraft wird, da er allein auch nach dem Tode strafen kann.“[6]

Nicht zuletzt die literarische Strömung der Empfindsamkeit, die ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Leidenden aufweist, veränderte die Einschätzung des Selbstmordes. Im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde beschäftigt sich auch Karl Phillip Moritz mit dem Suizid und den Seelenzuständen, die zu ihm führen:

„Es hat Leute genug gegeben, die aus Gründen der Vernunft Hand an sich selbst gelegt haben, ob gleich jeder, der sich nicht an ihre Stelle setzen kann, glauben wird, daß die Leute etwas gescheidteres hätten thun können. Es ist aber auch hier gemeinglich nicht die Frage: was sie hätten thun können, sondern, was sie nach der einmal vorhandenen Folge ihrer Vorstellungen und Empfindungen durch einen unwillkürlichen Stoß ihrer Gefühle thun mussten.

Wer diesen Punkt nicht recht in Erwägung zieht, wird nie mit philosophischer Toleranz über den Selbstmord irgend eines Menschen ein gehöriges Urtheil fällen, und wird Menschen verdammen, die eher unser ganzes Mitleiden verdienten, und die der Himmel wohl nicht nach unsern Systemen richten wird.“[7]

Weiterhin wurde der Selbstmord natürlich nicht empfohlen und blieb auch in der Aufklärung ein Skandalon, aber ihm wurde vorurteilsloseres Verständnis entgegengebracht. Eine von philosophischer Toleranz geleitete Betrachtung sollte ein Aufhalten und Korrigieren des psychischen Prozesses mit therapeutischen Maßnahmen bewirken. Medizinisch tendierte man dahin, den Selbstmord als Resultat einer Krankheit einzuordnen. Das führte einerseits dazu, dass den Betroffenen eine entstehende Bestrafung erspart blieb und er christlich beerdigt werden konnte. Auch wurde so dem Selbstmörder das selbstbestimmte Handeln abgesprochen, da dieses Handeln als Ergebnis einer organischen oder psychischen Störung gesehen wurde. Trotz der fortschrittlichen Betrachtung des Suizids, blieb dieser nicht allein Gegenstand eines psychologischen oder sozialkritischen Diskurses, sondern entfachte weiterhin theologische und philosophische Diskussionen.

Melancholie und Suizid in Goethes Werther

In seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ berichtet Goethe, der Selbstmord des Juristen und Gesandtschaftssekretärs Carl Wilhelm Jerusalem habe ihn zu „Die Leiden des jungen Werther“ inspiriert. Liest man die Beschreibung Jerusalems in Goethes Autobiografie, so wird man deutlich an den Werther erinnert:

„Seine Kleidung war die unter den Niederdeutschen, in Nachahmung der Engländer, hergebrachte: blauer Frack, ledergelbe Weste und Unterkleider, und Stiefeln mit braunen Stolpen. […] Er nahm an den verschiedensten Produktionen teil; besonders liebte er solche Zeichnungen und Skizzen, in welchen man einsamen Gegenden ihren stillen Charakter abgewonnen hatte.“[8]

Goethe erfährt von Jerusalems Suizid in Wetzlar durch einen Brief von Johann Christian Kestner Anfang November 1772. Kestner versucht in diesem Brief, Jerusalems Tat zu erklären und verzichtet dabei auf Verurteilungen. Hierbei führt er zwei Gründe an, die als Auslöser der Selbsttötung Jerusalems gelten: berufliche Schwierigkeiten mit seinem Vorgesetzten und seine unerwiderte Liebe zur bereits verheirateten Elisabeth Herd. Kestner zeichnet die aufeinanderfolgenden Enttäuschungen und die Fixierung auf einen Verdruss auf, der dazu führen könne, dass eine normale Traurigkeit in die Anomalie der Melancholie umschlage. Die Tat rief Irritationen hervor, da für sie kein rationaler Grund gefunden werden konnte. Verstärkt wurde diese Irritation durch die Tatsache, dass Jerusalem vor seinem Tod finanzielle Angelegenheiten regelte, Abschiedsbriefe verfasste und Schriftstücke auf seinem Schreibtisch zurechtlegte, somit zielgerichtet und rational vorging, also Herr seiner Sinne gewesen zu sein schien. Dennoch führte Jerusalem kein Motiv für seine Handlung an.

Goethe greift diverse Aspekte des Falles im Werther auf. So etwa die unerwiderte Liebe zu einer bereits liierten Frau, die intrigante Gesandtengesellschaft, die Art der Ausführung des Selbstmordes und vor allem die Symptome der Melancholie.

Betrachtet man Goethes Jugendwerk als eine Krankengeschichte, so kann man bereits in den auf Mai datierten Briefen eine recht zweifelsfreie Diagnose stellen: die melancholische Veranlagung Werthers. Zunächst finden seine seelische Instabilität, die Unfähigkeit, sich in gesellschaftliche Gruppen zu integrieren, die Schwärmereien und nicht zuletzt seine latente Suizidneigung nur beiläufig Eingang in seine Briefe an den Freund Wilhelm.

Thorsten Valk unterteilt in der Studie „Melancholie im Werk Goethes“ das erste Buch des Werther-Romans inhaltlich in drei Abschnitte: Im ersten Teil des ersten Buches erscheint Werther als gebildeter junger Mann mit einer tiefen Verbundenheit zur Natur. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, der herzliche Kontakte zu den einfachen Menschen pflegt und seine Eindrücke gelegentlich künstlerisch in Zeichnungen festhält. Nur zwischen den Zeilen erkennt man bisweilen zur Melancholie neigende Wesenszüge. Bereits zu Beginn des Romans wird lässt sich erahnen, dass Werthers Ortswechsel mit der Milderung seelischer Konflikte zusammenhängt und mehr eine therapeutische Aufgabe erfüllen soll als nur die Regelung von Erbstreitigkeiten, die es beizulegen gilt. Wie in den Maibriefen deutlich erkennbar, entfaltet sich die gewünschte therapeutische Wirkung der Reise auch umgehend. Werther berichtet davon, wie er das zurückgezogene Leben genießt und ihm die Einsamkeit erst die tiefe Beobachtung der Natur ermöglicht.

In mehreren Andeutungen verteidigt Werther den unter der Melancholie leidenden Menschen und auch den Selbstmörder als Kranken, etwa im Gespräch mit Albert. So schreibt er im Brief vom 1. Juli:

„Vermagst du, wenn ihre innre Seele von einer ängstigenden Leidenschaft gequält, vom Kummer zerrüttet ist, ihnen einen Tropfen Linderung zu geben?“[9]

Die krankhaften Wesenszüge, die anfangs nur am Rande erkennbar sind, wachsen im Fortlauf der Handlung zu einer tiefen depressiven Erkrankung, die schlussendlich sogar in seinem Tod münden. Nachdem Werther Bekanntschaft mit Lotte gemacht hat, entwickelt sich seine leidenschaftliche Zuneigung zu ihr ihn zum Dilemma. Einerseits erwecken die mit Lotte verbrachten Momente bei ihm Glücksgefühle und eine geradezu narzisstische Steigerung seines Selbstwertgefühls, andererseits darf die Beziehung aufgrund Lottes Verlobung und späterer Heirat mit Albert nicht über eine rein platonische hinausgehen, was zur Unterdrückung von Werthers erotischem Verlangen führt. Er stilisiert in Folge dessen Lotte zur Heiligen und seine Liebe zu ihr als über körperliches Verlangen erhaben. Werthers depressive Erkrankung äußert sich in mehreren Symptomen, insbesondere seiner seelischen Instabilität, seinem Wirklichkeitsverlust und seiner Antriebslosigkeit, auf die nachfolgend im Einzelnen eingegangen werden soll.

Immer wieder sind starke Gefühlsschwankungen Werthers beobachtbar. Bereits in den Maibriefen beschreibt er diese selbst:

„Wie oft lull ich mein empörendes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast Du nichts gesehn als dieses Herz. Lieber! Brauch ich Dir das zu sagen, der Du so oft die Last getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung, und von süsser Melancholie zur verderblichen Leidenschaft übergehn zu sehn. Auch halt ich mein Herzgen wie ein krankes Kind, all sein Wille wird ihm gestattet.“[10]

Die scheinbar schon seit längerem beim Werther ausgeprägte Depression zeigt deutlich manische Züge, da seine Stimmung von Hochgefühlen zu tiefer Betrübtheit wechselt. Diese krankhaften Züge verstärken sich später nach dem Zusammentreffen mit der Amtsmannstochter Lotte, für die er starke Gefühle entwickelt. Auch ohne äußere Einflüsse schlägt Werthers Stimmung von Euphorie in tiefe Verzweiflung um. Er ist nicht in der Lage, seine Hochstimmungen zu stabilisieren.

Neben diesen ausgeprägten Stimmungsschwankungen charakterisiert ein gewisser Wirklichkeitsverlust Werthers depressive Erkrankung. Sein überreiztes Wahrnehmungsvermögen verfälscht Werthers Perzeption der Umwelt und überspitzt diese. Besonders im Verhältnis zu Lotte wird dies deutlich, in die er Charaktereigenschaften projiziert, die ihm selbst fehlen: „So viel Einfalt bey so viel Verstand, so viel Güte bey so viel Festigkeit, und die Ruhe der Seele bey dem wahren Leben und der Thätigkeit.“[11]

Werthers Briefinhalte drehen sich mehr und mehr um Lotte, die er idealisiert und die zentraler Punkt seiner Einbildungskraft wird. Die überzogene Einbildungskraft wird durch den Verlust des Sinns für die Wirklichkeit begleitet. Durch den Rückzug in eine unwirkliche Welt, verliert der Melancholiker zunehmend den Realitätssinn. „Auch Werther erlebt im Verlauf seiner Beziehung zu Lotte einen sich ständig steigernden Wirklichkeitsverlust. Bereits die erste Begegnung mit Lotte ruft bei ihm einen solchen Gefühlsüberschwang hervor, daß er die Signale der Außenwelt, die unmittelbar auf sein Sensorium einwirken, nicht mehr wahrnimmt.“[12]

Während Werthers Phantasien zunächst als gewollte Ausflüchte aus der Realität erscheinen, nehmen sie im weiteren Verlauf des Romans immer mehr krankhafte Züge an. Beispielsweise malt er sich den Fall von Alberts Tod und einem glücklichen Zusammensein mit Lotte aus: „Wenn ich mich so in Träumen verliehre, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren: Wie, wenn Albert stürbe! Du würdest! Ja sie würde – und dann lauf ich dem Hirngespinste nach, bis es mich an Abgründe führt, vor denen ich zurükbebe.“[13]

Neben den beschriebenen Symptomen ist bei Werther eine für Depression charakteristische Antriebslosigkeit oder, wie Thorsten Valk schreibt, Handlungshemmung auszumachen. „Werther ist nicht in der Lage, sich aus der prekären Situation zu befreien, in die er nach Alberts Rückkehr zusehends gerät. Er leidet zwar unter seiner problematischen Stellung in der Dreiecksbeziehung, ist aber außerstande, sich mit ihr konstruktiv auseinanderzusetzen und notwendige Entscheidungen herbeizuführen.“[14] So ist auch sein Entschluss, Lotte zu verlassen, nicht aus eigenem Willen entstanden, sondern auf Drängen seiner Mutter und seines Freundes Wilhelm, die er dann auch für seine ihm unerträgliche Situation verantwortlich macht. Den wohl einzigen Entschluss zu einer Handlung, den Werther fällt, ist der zum Suizid, welchen er ausführlich vorbereitet.

Aus moderner psychiatrischer Sicht ist der in Goethes Roman verwendete Begriff der Krankheit keineswegs als metaphorisch zu sehen.Allerdings kann im Hinblick auf den damaligen Stand der Erkenntnis eine Krankheit nur als Krankheit angesehen werden in einer Kultur, die sie auch als eine solche erkennt. Nach der Rückkehr Alberts verschlechtert sich Werthers Zustand und er thematisiert immer häufiger den Selbstmord in seinen Briefen. Insbesondere in seinem Brief vom 12. August ist der Suizid zentrales Thema. Er berichtet hier von einem Gespräch mit Albert, der eine entgegengesetzte Meinung zum Selbstmord vertritt.

„Die menschliche Natur, fuhr ich fort, hat ihre Gränzen, sie kann Freude, Leid, Schmerzen, bis auf einen gewissen Grad ertragen, und geht zu Grunde, sobald der überstiegen ist. Hier ist also nicht die Frage, ob einer schwach oder stark ist, sondern ob er das Maas seines Leidens ausdauren kann; es mag nun moralisch oder physikalisch sein, und ich finde, es ist eben so wunderbar zu sagen, der Mensch ist feig, der sich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen Feigen zu nennen, der an einem bösartigen Fieber stirbt.“[15]

Werther verteidigt hier den Selbstmord gegenüber Albert und stellt ihn aus Ausgang einer tödlichen Krankheit dar. Die Entscheidung zum Selbstmord läge somit gar nicht im Ermessen des Selbstmörders. Die allgemeine Beschreibung dieser Krankheit zum Tode, welche Werther in dem Gespräch liefert, liest sich wie seine eigene Krankengeschichte und sucht seinen eigenen Freitod vorab zu entschuldigen. Neben der Krankheit Werthers stellt der Roman auch Ansätze der Therapie der Melancholie dar, etwa den Ortswechsel, der den Melancholiker von seiner Fixierung auf die eigene Krankheit ablenken soll.

Er beschreibt die Handlungseinschränkung des Melancholikers, aus der er sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. Hinzu kommen „Ideen“, die als Zwangsvorstellungen gedeutet werden können, welche sich immer weiter beim Erkrankten festsetzen und seine Wahrnehmung der Umwelt verzerren. Tritt nun zu diesen Symptomen eine heftige Leidenschaft – in Werthers Fall die unbeantwortete Liebe zu Lotte – hinzu, verliert der melancholische Mensch seine „ruhigen Sinneskräfte“ und der Selbstmord bleibt der letzte Ausweg und ist somit Konsequenz des Leidens. Goethe nimmt mit der Schilderung des Krankheitsverlaufs und dessen tödlicher Zuspitzung im Selbstmord dem Suizid seine Sündhaftigkeit. Er legt dar, dass die Entscheidung zum Selbstmord nicht aus freiem Willen des Melancholikers erfolgt. Werthers Freitod ist somit letzte Konsequenz und Klimax seines als Krankheit anzuerkennenden Leidens.

Reaktionen auf den Roman

Eine Literaturgeschichtsschreibung, die den Zeitraum der Entstehung und Veröffentlichung des Werthers allein auf die Epoche des Sturm und Drang festlegt, kann die Wirkung, die der Roman erzielte, nicht erklären.

Es entwickelten sich drei Rezeptionstypen zu dieser Zeit. Der erste kann als ‚Werther-Fieber‘ umschrieben werden, also die erbauliche Konkretisation, weil hier das Lesemuster der Erbauungsliteratur weitergeführt wird. Der zweite Typ zeichnet sich durch eine didaktische Konkretisation aus, in der Fragen bezüglich Gesellschaft und Individuum oder dem Selbstmord diskutiert werden. Der dritte Rezeptionstyp reduziert den Werther auf eine triviale Liebesgeschichte, die ein Dreiecksverhältnis zum Inhalt hat.

Die frühesten Rezensionen des Romans lobten den Roman ohne Gefahren zu sehen, die von ihm ausgehen könnten. Erst als der Erfolg des Werthers Leserschichten erreichte, die noch keine Erfahrungen im Umgang mit fiktiver Literatur hatten, änderte sich dies. Es kam geradezu zu einer Welle von Nachahmern, die Werthers Leiden nachzuempfinden wünschten. Aufklärer kritisierten die fehlende pädagogische Komponente im Roman. Theologische Kritiker sahen im Werther gar eine Apologie für den Selbstmord, die schädlichem Einfluss auf die Gläubigen nehmen und besonders von jungen Leuten leichtfertig übernommen werden könne.

Goethe verteufelt den Melancholiker und Selbstmörder nicht, wie es beispielsweise theologische Kritiker tun, noch wirbt er für die Melancholie als musischen Zustand. Auch wenn im Roman stellenweise von süßer Melancholie die Rede ist, werden Melancholie und Freitod nicht verherrlicht. Die Leiden des jungen Werther haben wie kaum ein anderes Werk zu Beginn des 18. Jahrhunderts die psychopathologischen Züge der Melancholie zum Thema. Es gibt genügend Anhaltspunkte, die Werthers „Krankheit zum Tode“ als Depression erkennen lassen. Während die meisten zeitgenössischen Werke Partei für oder wider die Melancholie ergreifen, bleibt Goethes Standpunkt im Werther ein beobachtender, analysierender. Er verzichtet auf moralische Verurteilungen genauso wie er eine Idealisierung der Melancholie oder Verherrlichung des Freitodes vermeidet. Stattdessen helfen die scharfsinnigen psychologischen Beobachtungen dem Rezipienten, die Melancholie und die Entscheidung für den Selbstmord zu verstehen.

Flüchtling für eine Nacht

Domo-Hotel Mit seinem Unternehmen „More Than Shelters“ bietet der Hamburger Designer Daniel Kerber innovative Architektur und Designkonzepte für humanitäre Zwecke. Im Mittelpunkt steht dabei das von ihm entworfene Zelt Domo: ein modulares Unterkunftssystem, das sich individuell an die Bedürfnisse seiner Bewohner anpasst. In Hamburger kann zurzeit jeder, der Lust hat, eine Nacht im Domo verbringen. Auch zwei bekannte Sportler haben sich schon eingemietet

Die Zahlen, die das Hamburger Sozialunternehmen More Than Shelters auf seiner Internetseite aufführt, sprechen für sich. 52 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, mehr als eine Milliarde lebt in ärmlichen, unsicheren und ungesunden Verhältnissen. Laut Prognosen der Vereinten Nationen werden es 2050 mehr als drei Milliarden Menschen sein.

Neben Krieg, Naturkatastrophen und Verfolgung treiben auch Trends wie die zunehmende Urbanisierung jedes Jahr Hunderttausende dazu, ihre Heimat zu verlassen; meist für eine lange Zeit, oft sogar für immer.

12 Jahre Leben im Zelt

Überall, wo es zu humanitären Katastrophen kommt, entstehen teilweise gigantische Zeltstädte, in denen Flüchtlinge notdürftig untergebracht werden. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Geflüchteten in einem Camp beträgt 12 Jahre. Im Libanon beispielsweise existieren solche Lager für geflohene Palästinenser seit unglaublichen 60 Jahren.

Die Lebensbedingungen dort sind häufig fernab jeden Standards und für Menschen in Wohlstandsgesellschaften schier unvorstellbar. Schlechte Ausstattung und Zelte, die für einen längerfristigen Einsatz ungeeignet sind, verschärfen die Situation.

Das 2012 gegründete Sozialunternehmen More Than Shelters um den Hamburger Designer Daniel Kerber setzt dieser mehr schlechten als rechten Form der Unterbringung ein völlig neues Konzept entgegen. Domo heißt das modulare Zeltsystem, mit dem er menschenwürdige Lebensräume für Flüchtlinge schaffen möchte. So soll auch Menschen, die in eine Notsituation geraten sind, ein individuelles Zuhause ermöglicht werden.

Mehr als Notunterkünfte

„Wir müssen aufhören Flüchtlingslager als kurzfristige Probleme zu betrachten“, heißt es auf der Homepage des Unternehmens. „Wir sollten alle beginnen sie als langfristige Chancen für Menschen zu verstehen, für Menschen die alles verloren haben. Wir müssen die elendesten Orte dieses Planeten in nachhaltige und innovative Ökosysteme transformieren.“

Aktion Domo-Hotel vergangene Woche in der Hambuger HafenCity. Foto: Malte Metag

Dem Entwicklungsprozess von Domo ging nicht die Arbeit am Schreibtisch voraus. Stattdessen haben die Hamburger Menschen befragt, die in der humanitären Hilfe aktiv sind, wie das perfekte Zelt aussehen müsse. Dabei ist nicht nur ein Domo entstanden. Es gibt viele unterschiedliche Domos, da das System eine Art Baukasten darstellt aus verschiedenen Modulen und Materialien.

Auf ein stabiles, ausklappbares Tragwerk können verschiedene Hüllen aufgebracht werden, die als Wände für innen und außen dienen, je nachdem, welches Klima die jeweilige Umgebung hat. Menschen können ihre Raumgröße selbst planen und auch mehrere Domos verbinden. Das bietet Gestaltungsspielraum, aber auch ein Stück weit Autonomie und Teilhabe für die Menschen, die in Notunterkünften leben.

Eine Lösung für Deutschland?

More Than Shelters engagiert sich vor allem in Nepal und dem jordanischen Flüchtlingslager Za’atari, wo mehr als 80.000 Menschen leben, größtenteils Flüchtlinge aus dem benachbarten Syrien. Aber auch für Deutschland, wo es heute massive Schwierigkeiten bei der Unterbringung von Flüchtlingen gibt, könnten Domos eine sinnvolle Alternative darstellen.

„Ich habe vor einem halben Jahr – und da überrennt uns gerade vielleicht tatsächlich die Zeit – selbst noch gesagt, dass es eigentlich nicht sein kann, dass wir hier in unserem eigenen Land Menschen in Zelten unterbringen müssen. Wenn wir heute die Medien aufschlagen, dann scheint das aktuell aber leider der Fall zu sein“, sagte Kerber dem NDR.

In großen Hallen, die zurzeit als Flüchtlingsunterkünfte genutzt werden, den Menschen jedoch keinerlei Privatsphäre bieten, könnte ein „Raum-in-Raum-Konzept, bei dem Zelte als Parzellierung der Großflächen genutzt werden“ einen ersten Lösungsansatz bieten, heißt es in der neuesten Pessemitteilung des Unternehmens. Aktuell sind bereits zwei Domos in der Messehalle Hamburg in St. Pauli im Einsatz, die zurzeit als Flüchtlingsunterkunft genutzt wird.

Flüchtling für eine Nacht

Parallel dazu hat More than Shelters die Aktion Domo-Hotel gestartet. Letzte Woche konnte in der Hamburger HafenCity jeder, der Lust hat, eine Nacht im Domo verbringen. Die Chance nutzten viele. Alle Domos waren bis auf den ersten Tag über die ganze Woche ausgebucht. Den Preis für die Übernachtung bestimmten die Gäste dabei selbst. Er ging als Spende komplett an die Projekte in Nepal und Jordanien.

Ab heute Abend wird die Aktion auf der Dachterrasse des Hostels Superbude in Hamburg-St.Georg fortgesetzt. Dort wird ein Domo-Zelt bis Ende Oktober in den Hostelbetrieb aufgenommen. Auch hier geht der selsbt bestimmte Übernachtungspreis direkt an die Projekte von More than Shelters. Für die erste Nacht haben sich bereits zwei prominente Gäste eingebucht: die Fußballer Lasse Sobiech (FC St. Pauli) und René Adler (Hamburger SV).

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Arbeit ohne Hierarchien

Das Premium-Kollektiv um Uwe Lübbermann produziert faire Cola, Limonade und Bier und will damit den Kapitalismus hacken. Das funktioniert erstaunlich gut

Oktober 1999. Der Neu-Hamburger Uwe Lübbermann liegt in seiner Badewanne und trinkt eine Afri-Cola, seit vielen Jahren sein Lieblingsgetränk. So weit, so gewöhnlich. Nur ist es dieses Mal anders als sonst. Die braune Brause schmeckt irgendwie komisch und auch die gewohnte Koffeinwirkung will nicht so richtig eintreten. Was ist da los?

Uwe fackelt nicht lange und fragt beim Hersteller nach, wo er erfährt, dass Afri verkauft und die Rezeptur verändert wurde. Also gründet er die Interessengruppe „Premium“ und fordert die Rückkehr zur alten Afri-Cola. Doch das geschieht nicht.

Aus Versehen ein Unternehmen gegründet

Durch Zufall kommen die enttäuschten Freunde aber Kontakt zu einem ehemaligen Afri-Abfüller, der ihnen 1000 Flaschen mit der geliebten, alten Afri-Cola-Rezeptur produziert. Und wie das so ist, gelangt die ein oder andere Flasche in Umlauf und auf einmal hat man Kunden. So gründete die Interessengruppe quasi aus Versehen ein Unternehmen. Das war 2001.

Heute gibt es von Premium neben der Cola auch Bioland-Bier, eine Holunder-Limonade und Mate. Das klingt nach einer aufgegangenen Geschäftsidee, wäre aber auch nicht außergewöhnlich – wenn Premium nicht völlig anders arbeiten würde als die meisten anderen Unternehmen. Denn Premium arbeitet als Kollektiv, zu dem nicht nur Mitarbeiter zählen, sondern auch Lieferanten und Kunden.

Es gibt keine klassischen Hierarchien. Die Mitglieder des Kollektivs organisieren sich über ein Onlineboard, in dem über Unternehmensentscheidungen diskutiert und ein Konsens angestrebt wird.

Wie steuert sich ein Kollektiv?

Ein- bis zweimal im Jahr gibt es ein Treffen. „Im Ergebnis sind so viel klügere und viel breiter getragene Entscheidungen möglich“, sagt Uwe. Die Kunst sei es, ein Kollektiv aus unterschiedlichen Leuten so zu moderieren, dass am Ende ein tragfähiges Ergebnis herauskommt.

So wird bei Premium auch über Löhne entschieden. „Stundenkontrollen gibt es aber nicht, jede/r rechnet ab, was er/sie meint“, erzählt Uwe. „Ergänzungen zum Lohn gibt es nur für Kinder und bei Behinderungen. Das bedeutet, niemand kann zum Beispiel durch mehr Leistung finanziell aufsteigen.“

Natürlich wurde das bereits kritisiert. Aber es ist ja gerade ein Kennzeichen von Sozialsystemen, dass die Leistungsfähigeren die weniger Leistungsfähigen mitziehen. So ist gewährleistet, dass der einzige Anreiz, bei Premium zu arbeiten, inhaltlicher Natur ist. Premium-Mitarbeiter arbeiten dort, weil es das ist, was sie tun möchten – und das bei freier Wahl des Ortes oder der Zeit, in der gearbeitet wird.

Leben und Arbeiten auf Augenhöhe

„Das Ganze dreht sich eigentlich nur darum, mit Menschen auf Augenhöhe zu arbeiten. Wenn man das dauerhaft macht, wird man zwar nie Millionär, spart sich aber ganz viel negativen Stress. Ich musste in 13,5 Jahren nur zweimal jemanden rauswerfen“, so Uwe, „insgesamt habe ich so wenig negativen Stress, dass das meiner psychischen Gesundheit auf jeden Fall sehr gut tut. Ich würde es nicht mehr anders haben wollen.“

Uwe Lübbermann ist es darüber hinaus ganz wichtig, dass bei Premium nicht zum Selbstzweck gewirtschaftet wird. Vielmehr will er einen Beitrag zu einem gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel leisten und eine gemeinsame Form des Wirtschaftens etablieren, die das Gemeinwohl als Aufgabe betrachtet und alle Interessengruppen wie Kunden, Lieferanten oder Dienstleister mit einbezieht.

Wenn das gelänge, wäre es die Postwachstumsgesellschaft, in der nicht mehr Gewinn und Wachstum die vorrangigen Ziele sind, sondern Nachhaltigkeit und Konsistenz. Eine Gesellschaft, in der materielle Statussymbole keine vorrangige Rolle mehr spielen. Da müssten aber neben den Unternehmern natürlich auch die Verbraucher mitmachen, und die Politik. Einige machen bereits vor, wie es geht.

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Eine Frau zwischen Widerstand und Wissenschaft

Germaine Tillion Im Mai ehrte Frankreich die Widerstandskämpferin Tillion. „Die gestohlene Unschuld“ zeigt das bewegte Leben der bis zum Schluss engagierten Frau.

Als junge Ethnologin verbrachte Germaine Tillion die Jahre zwischen den zwei Weltkriegen im algerischen Aurès-Gebirge, um das dort lebende Berbervolk zu erforschen. Ihren ersten Forschungsaufenthalt begann sie 1934, vermittelt durch den französischen Ethnologen Marcel Mauss. Bis 1940 folgten drei weitere Aufenthalte. Ethnologie sieht Tillion als einen Austauschprozess zwischen zwei Kulturen: „Die Ethnologie ist ein Dialog mit einer anderen Kultur, ein Hin und Her, und bei jeder Bewegung verändert sich etwas, nicht nur auf einer Seite, sondern auf beiden.“

Widerstand aus patriotischer Demütigung

1940 kehrt Tillion in ein von den Nationalsozialisten besetztes Frankreich zurück. Als sie über den Rundfunk von dem einer Kapitulation gleichkommenden Waffenstillstandsangebot von Marschall Philippe Pétain hört, muss sie sich übergeben. Sie empfindet dieses Ergeben als tiefe patriotische Demütigung und es ist ihr sofort klar, etwas „unternehmen“ zu müssen. In Paris schließt sie sich der Résistance an und wird Teil der Widerstandsgruppe des Musée de l’Homme. Hier hilft sie bei der Evakuierung englischer Soldaten, besorgt gefälschte Papiere oder leitet beschaffte deutsche Unterlagen nach England weiter.

Jahre der Gefangenschaft

Im Oktober 1943 gerät sie in deutsche Gefangenschaft und wird in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Auch ihre Mutter, die verdächtigt wurde, Mitglied des Widerstands zu sein, wird dorthin gebracht und schließlich mit Giftgas ermordet.

Das KZ ist für sie Ort des Grauens, aber auch Forschungsgegenstand ethnologischer Betrachtungen. Neben Tätern und Opfern findet sie eine Vielzahl an menschlichen Zwischenstufen. In einer Kleiderkiste versteckt schreibt sie die Operette „Le Verfügbar aux Enfers“ (dt. Der Verfügbare in der Hölle). Sie selbst zählt zu der Häftlingskategorie der „Verfügbaren“, die nicht einem bestimmten Bereich zugeordnet sind und überall eingesetzt werden können. Sie überlebt das Lager und kommt bei der Räumung im März 1945 frei.

Vermittlerin im Algerienkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg wendet sich Tillion der Aufklärung deutscher Kriegsverbrechen zu und gründet gemeinsam mit David Rousset die Commission internationale contré le régime concentrationnaire, die die Existenz des sowjetischen Gulag aufdeckt und anprangert. 1954, also keine zehn Jahre nach dem großen Krieg, beginnt der Unabhängigkeitskrieg der Algerier. Wie erschreckend muss es für Tillion gewesen sein, dort nahezu die gleichen Mechanismen der Gewalt wieder zu erleben. Umso verständlicher ist es, dass sie beginnt, sich für die algerische Seite einzusetzen.  1957 trifft sie in Algier heimlich einen der Anführer der FLN, Yacef Saadi. Sie möchte der Eskalation von Hinrichtungen und Attentaten ein Ende setzen, leider ohne Erfolg. Aber auch nach dem Algerienkrieg wirkt Tillion in mehreren Projekten gegen die Armut in der algerischen Bevölkerung, gegen die Folter und für die Emanzipation der Frau im Mittelmeerraum mit.

Sie bleibt weiterhin engagiert. Noch 2004 beteiligt sie sich an einem Aufruf französischer Intellektueller gegen die Folter im Irak. Vier Jahre später stirbt Germaine Tillion hundertjährig im französischen Saint-Mandé.

Eine Reise ins Reich der Riesenflöhe

Märchen Mit Matteo Garrones „Das Märchen der Märchen“ kommt am 27. August eine Adaption der Märchen des neapolitanischen Barock-Autors Basile ins Kino.

Wenn man so will, kann man Giambattista Basile das italienische Pendant der Gebrüder Grimm nennen. Der 1575  geborene Autor gehörte einer angesehenen neapolitanischen  Familie an. Seine Schwester veröffentlichte postum sein in neapolitanischem Dialekt geschriebenes Hauptwerk Lo cunto de li cunti, overo Lo trattenemiento de peccerille (dt. Das Märchen der Märchen oder Unterhaltung für Kinder), eine Märchensammlung, die 1674 in „Das Pentameron“ umbenannt wurde.

Der italienische Regisseur Matteo Garrone hat sich diesem mythischen Stoff jetzt angenommen. Internationale Beachtung bekam der Römer 2008 mit seiner Verfilmung von Roberto Savianos Bucherfolg Gomorrha, der für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert war und zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Nun wechselt Garrone mit seinem ersten in englischer Sprache produzierten Film komplett das Genre, von der Realität zur Fiktion, von der Reportage zum Märchen.

Bereits bei seiner Weltpremiere während der Filmfestspiele in Cannes erregt der mit beachtlichem Cast und überwältigen Bildern in Szene gesetzte Film Aufsehen. Mit von der Partie sind unter anderen Salma Hayek, Vincent Cassel und Toby Jones.

Drei Märchen Basiles wählte Garrone für seinen Film, deren Handlung ans Groteske grenzen und an die tolldreisten Filme Pasolinis erinnern lassen.

Die deprimierte Königin von Longtrellis (Salma Hayek) wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind, was sich auch auf das Leben ihres Mannes (John C. Reilly), des Königs, auswirkt.  Im Königreich Strongcliff beschwören zwei mysteriöse  Schwestern die Leidenschaft des Königs (Vincent Cassel) herauf, worauf eine Reihe verheerender Ereignisse folgt. Der König von Highhills (Toby Jones) wiederum ist wie besessen  von seiner ungewöhnlichen Insektensammlung, zu der ein riesiger Floh gehört, und  vernachlässigt darüber seine Tochter (Jessie Cave), die ins Unglück stürzt.

Garrone verstrickt diese alten Märchen, die schönen Bilder mit dem Grausamen, dem Grotesken und schafft ein Fantasywerk, das sich bei trotz des Stilbruchs doch wieder als Mosaikteilchen in die Reihe seiner bisherigen Filme einfügt. Denn er bleibt auch hier Beobachter, der die Geschichten seiner Heimat erzählt.

Unten am Bach

Gesellschaftskritik Der Naturphilosoph Henry David Thoreau hat Gandhi, Martin Luther King und Occupy inspiriert. Sein Werk ist aktueller denn je.

Eine kleine, karge Holzhütte mitten im Wald. Viereinhalb Meter lang, drei Meter breit und zweieinhalb Meter hoch. An den Seiten je ein Fenster, auf dem Dach ein schmaler Ziegelschornstein. Auch wenn Henry David Thoreau von seinen Zeitgenossen nicht immer allzu ernst genommen wurde, bilden seine hier entstandenen Tagebucheinträge die Vorläufer für eines der bekanntesten Werke der US-amerikanischen Literaturgeschichte: Walden. Ein Leben mit der Natur. Für Generationen von Zivilisationskritikern, Aussteigern und Nonkonformisten ist das Buch seitdem zur Inspiration geworden. Seine späteren Werke, allen voran der Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, avancierten darüber hinaus zu Wegweisern für den gewaltfreien Widerstand Mahatma Gandhis oder Martin Luther Kings, ja selbst Bewegungen wie Occupy kann Thoreau problemlos als Vordenker dienen.

„Ich bin in den Wald gezogen, weil mir daran lag, bewußt zu leben, es nur mit den wesentlichen Tatsachen des Daseins zu tun zu haben. Ich wollte sehen, ob ich nicht lernen könnte, was es zu lernen gibt, um nicht, wenn es ans Sterben ging, die Entdeckung machen zu müssen, nicht gelebt zu haben.“ (S. 100)

Heute muss uns Thoreau aktueller denn je erscheinen. Als ökologischer Pionier, Apologet der Entschleunigung und Stichwortgeber der Gegenkultur bildet er den intellektuellen Kontrapunkt zum neoliberalen Nützlichkeitsdenken. Doch fing das Leben des avantgardistischen Schriftstellers zunächst eher harmlos an. Als Sohn eines Bleistiftfabrikanten erblickt er am 12. Juli 1817 im beschaulichen Concord, Massachusetts, das Licht der Welt. Von 1833 bis 1837 studiert er in Harvard. Seine anschließende Stelle als Lehrer gibt er jedoch auf, weil er seine Schüler nicht, wie im 19. Jahrhundert üblich, mit dem Stock erziehen will. Gemeinsam mit seinem Bruder John gründet er in seiner Heimatstadt deshalb kurzerhand eine Privatschule, deren progressiver Lehrplan den Zöglingen unter anderem auch Fächer wie „Spaziergänge durch die Natur“ oder Unternehmensbesuche anbietet.

Nach dem frühen Tod des Bruders muss er die Schule wieder schließen. Doch kommt ihm bald zugute, dass Concord in jener Zeit ein intellektueller Brennpunkt Nordamerikas ist. Hier propagiert der Schriftsteller, Philosoph und ehemalige Pfarrer Ralph Waldo Emerson den Transzendentalismus, eine vom deutschen Idealismus ausgehende Form der liberalen Lebensphilosophie, und versammelt dabei eine illustre Schar von Denkern um sich. So treffen Thoreau und Emerson 1837 das erste Mal aufeinander. Zusammen mit Amos Bronson Alcott, Margaret Fuller und George Ripley gründen die beiden 1840 die Zeitschrift The Dial (1840–1844). Der in dieser Zeit bereits berühmte Emerson schreibt damals über Thoreau: „Ich habe Herzensfreude an meinem jungen Freunde. Nie, glaube ich, ist mir ein solch freimütiger, fester Charakter begegnet.“

Am 4. Juli 1845 zieht Thoreau dann allein in eine selbstgebaute Hütte auf Emersons Grundstück am Walden-See, ganz in der Nähe seiner Heimatstadt Concord. Er lebt von dem, was der von ihm beackerte Boden hergibt. Ab und an angelt er auch ein paar Fische. Die meiste Zeit verbringt er jedoch damit, zu beobachten und schlichtweg: zu leben.

„Im Sommer saß ich mitunter nach dem gewohnten Bad von morgens bis mittags traumversunken zwischen Kiefern, Hickory- und Sumachbäumen in ungestörter Einsamkeit und Stille vor meiner Tür in der Sonne. Die Vögel um mich herum sangen oder huschten geräuschlos durch das Haus, bis mir die Sonnenstrahlen, die durch das Westfenster fielen, oder ein Wagen auf der fernen Landstraße das Vergehen der Zeit zum Bewußtsein brachten. In solchen Stunden richtete ich mich auf wie der Mais über Nacht. Sie waren weit wertvoller als jede körperliche Arbeit. Sie bedeuteten keine Verringerung meiner Lebenszeit, sondern gingen weit über das mir eingeräumte Maß hinaus.“ (S. 123 ff.)

Die damalige Arbeitswelt ist Thoreau zutiefst zuwider. Seine Abscheu geht sogar so weit, dass er glaubt, dass derjenige, der einen Beruf ergreift, schon verloren sei. Denn die Erwerbsarbeit halte den Menschen nur von seiner natürlichen Bestimmung ab – und diese besteht nach Thoreau in der kontemplativen Beobachtung und intensiven Reflexion. Darüber hinaus erkennt er bereits zu jener Zeit, welche fatale Entwicklung die Lohnarbeit nehmen wird. Er warnt, dass dem arbeitenden Individuum bald kaum mehr Muße bleibe, sodass dieses sich im Banne des zivilisatorischen Dauerdrucks zu einer menschlichen Maschine entwickle.

In Walden verdichtet Thoreau seinen nicht ganz zweieinhalbjährigen Aufenthalt in der Wildnis nun auf ein einziges Jahr. So schildert er mit dem Verlauf der Jahreszeiten seine eigene geistige Entwicklung. Zwischen philosophischen Betrachtungen und Reflexionen über die Gesellschaft fließen in den vielschichtigen Text deshalb auch immer wieder Tagebuchnotizen oder Naturbeschreibungen ein. Dabei stellt Thoreau wiederholt das ursprüngliche Erleben der Wildnis jener modernen Gesellschaft gegenüber, in der Industrialisierung, Privatbesitz und Materialismus den Menschen von der Natur und seinen wahren Bedürfnissen entfernen. Er selbst votiert freilich für Ersteres. Denn für ein Leben, in dem das Streben nach Glück gleichbedeutend mit der Jagd nach Konsumgütern ist und alles dem Diktat des Wachstums untergeordnet wird, hat er nur Verachtung übrig.

Thoreau kann auch als früher Vertreter des Umweltschutzes gesehen werden. Als wegweisender Kritiker des Anthropozentrismus war er schon damals überzeugt davon, dass nicht nur der Mensch Rechte besäße, sodass dieser die Natur mitsamt ihren Ressourcen keineswegs beliebig instrumentalisieren und ausbeuten dürfe. Seine ökologische Ethik verbindet den Umweltschutz deshalb untrennbar mit dem Glück des Menschen als integralen Bestandteils der Natur. Der respektvolle Umgang mit Tieren und Pflanzen führe letztendlich zu einem besseren Leben für alle Kreaturen. Kein Wunder also, dass Greenpeace in der Schweiz ein Online-Nachschlagewerk nach Thoreau benannt hat oder der BUND sich auf ihn beruft.

Auch 170 Jahre nachdem Thoreau sich in die Wälder zurückgezogen hat, werden seine Bücher immer noch gelesen. Und gerade Walden ist brandaktuell. Mehr denn je suchen Menschen heute nach Auswegen aus den Zwängen unserer Konsumgesellschaft. Plakativ verdeutlicht das etwa der Trend des sogenannten Digitalfastens. In Zeiten ständiger Erreichbarkeit wirkt der temporäre Verzicht auf Internet und Social Media schließlich schon wie ein halber Ausstieg aus der Gesellschaft. In den USA gibt es mittlerweile sogar „Digital-Detox-Camps“, in denen Menschen sich regelrecht vom Smartphone entgiften. Thoreaus Denken ist deshalb für all jene attraktiv, die einen eigenen Weg zu sich selbst und damit zur Veränderung der Gesellschaft finden möchten. Und das nicht als Aussteiger, der sich in der Wildnis isoliert oder in eine Kommune zurückzieht, sondern als aktives Mitglied der Gesellschaft. Thoreaus Schriften beweisen ihre Haltbarkeit nämlich im Kontext unterschiedlichster Bewegungen, die an der Gesellschaft von innen heraus arbeiten. Sei es bei kollektiv geführten Unternehmen und Nachhaltigkeitsaktivisten oder auch im Zusamenhang mit dem Urban Gardening. Dabei geht es jedoch nie um naive Weltflucht, sondern um den Versuch eines weitestgehend autarken und naturnahen Lebens. Denn auch Thoreau war letztlich kein Aussteiger im strengen Sinne. Selbst während seiner Zeit am Walden-See besuchte er fast täglich das nahe Städtchen, um Bekannte zu treffen oder seine Wäsche zu waschen.

Anfangs kein Bestseller

Das Buch wurde nach sieben Entwürfen schließlich beim Verlag Ticknor & Fields im August 1854 veröffentlicht und war kein Bestseller. Die Startauflage von 2000 Exemplaren war erst fünf Jahre später verkauft. Thoreau versuchte daraufhin, den Verlag von einer zweiten Auflage zu überzeugen, dieser wartete damit aber bis Mitte 1862. Im späten 19. Jahrhundert stand Walden wohl in nahezu jedem amerikanischen Arbeiterhaushalt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es bei den sogenannten Wandervögeln, einer lebensreformerischen Jugendbewegung, hoch angesehen. Hermann Hesse schrieb einmal über das Werk: „Die amerikanische Literatur, so kühn und großartig sie ist, hat kein schöneres und tieferes Buch aufzuweisen“

Alle Zitate aus : Walden. Ein Leben mit der Natur Henry David Thoreau Sophie Zeitz, Erika Ziha (Übers.), dtv 1999, 368 S., 9,90 €

Dieser Beitrag erschien in „Der Freitag“ Ausgabe 32/15.

Generation Burnout

Anders leben Psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Was ist der Grund dafür, dass sich immer mehr Menschen überfordert fühlen und ausbrennen? Und wie ändern wir das?

Morgens, direkt nach dem Aufstehen, beschleicht Jörg (Name geändert) dieses ungute Gefühl. Deshalb zögert er es auch stets so weit hinaus wie möglich, das Bett zu verlassen. Statt vom Schlaf erholt fühlt er sich bereits jetzt gerädert und es kommen die ersten Zweifel auf, ob er den heutigen Tag überstehen kann. Einen Tag wie jeder andere. Ein Tag, an dem voraussichtlich nichts Unvorhergesehenes passieren wird, und der ihn doch in leichte Panik versetzt. Der Magen zieht sich zusammen und der Brustkorb fühlt sich wie zugeschnürt an. Jörg ist jetzt Mitte 30 und leidet seit gut zehn Jahren an einer Angststörung mit wiederkehrenden depressiven Phasen. Man merkt es ihm nicht an. Er geht arbeiten, ist etwas zurückhaltend, aber wirkt sonst ganz normal, was auch immer normal sein mag

So wie Jörg geht es Millionen Deutschen. Das Portal statista führt an, dass im vergangenen Jahr 26 Prozent der Menschen in Deutschland depressive Symptome gezeigt hätten und ein Viertel der Bevölkerung unter einer Angststörung leidet.  Psychische Erkrankungen sind mittlerweile zum zweitwichtigsten Grund für eine Arbeitsunfähigkeit avanciert. Depression wird schon als Volkskrankheit bezeichnet so wie ein Hexenschuss oder Sodbrennen.

Nie ging es uns besser und nie fühlten wir uns so schlecht

Trotz Hartz 4 war der Lebensstandard in Deutschland und westlichen Gesellschaften im Allgemeinen nie so hoch wie er heute ist. Individualität wird groß geschrieben, persönliche Entfaltung ist wichtig. 1968 war der Befreiungsschlag für das Individuum, alle sind wir jetzt freie Menschen. Wenn nun jeder so sein kann wie er will und das tun kann was er möchte, dann sollte es doch grundsätzlich nur noch tendenziell glückliche Menschen geben. Aber das wäre ein Trugschluss.

Von der Freiheit sich selbst verwirklichen zu können ist es nur ein Schritt hin zum Zwang sich selbst optimieren zu müssen. Denn die Bedingung für unsere Freiheit ist es erfolgreich zu sein. Selbstmanagement ist dabei so ein Stichwort. An sich arbeiten, um optimal zu funktionieren. Wer nicht funktioniert, fällt aus dem Rahmen, passt nicht in die Gesellschaft und hat es schwer Teil von ihr zu sein. Menschen wie Jörg, die über Jahre hinweg zwanghaft versuchen zu funktionieren, sich selbst den Maßstäben der Gesellschaft, in der jeder seines Glückes eigener Schmied ist, anzupassen, werden irgendwann krank. Ihre eigene Identität oder besser gesagt ihr Lebensentwurf, ihre Bedürfnisse und Wünsche decken sich nicht mit den Erwartungen, die an sie gestellt werden. Identität ist eine vielschichtige, zutiefst widersprüchliche Konstruktion, die nur schwer in Einklang zu bringen ist. Wenn die eigenen Bedürfnisse nicht innerhalb der Gesellschaft, in der man lebt, befriedigt werden können, bleibt nur der Ausstieg. Oder die Aggression. Zunächst gegen das System, dann gegen sich selbst. Und die endet in der Unfähigkeit, sich selbst zu lieben, in der Depression.

Die nächste Generation der Ausgebrannten

Nun wird in Deutschland inzwischen etwas offener mit psychischen Erkrankungen umgegangen. Psychotherapien und die Herstellung von Psychopharmaka sind Boom-Geschäfte. Und gerade Psychopharmaka sind häufig Mittel, die nicht zwangsläufig eine Heilung herbeiführen, sondern das Funktionieren des Einzelnen gewährleisten sollen. Medikamentöse Behandlungen als solche sollen hier in keiner Weise in Frage gestellt werden, jedoch stimmen etwa die massiv gestiegenen Zahlen der von mit Medikamenten wie Ritalin behandelten Kinder durchaus nachdenklich. Haben tatsächlich alle diese Kinder ein Problem oder liegt das Problem bei der Gesellschaft?
Man muss befürchten, dass wir uns geradezu die nächste Generation von selbstzweifelnden, ausgebrannten Menschen heranzüchten. Nicht viel anders ist es mit der so genannten Generation Y. Die nach 1980 geborenen, die ausnahmslos über den gleichen medialen Kamm geschoren werden. Diese Generation, so heißt es, sei im Wohlstand aufgewachsen und mache sich wenig Sorgen um die Zukunft. Leistungsorientiert und äußerst flexibel seien die Ypsiloner. Ein Satz, den sie wohl häufig in  ihrem behüteten Elternhaus gehört haben, ist: „Du kannst alles erreichen, was du möchtest.“ Willkommen in der Meriokratie! Was aber Sätze wie dieser auch implizieren, ist, dass wenn man scheitert, die Schuld zwangsläufig bei einem selbst liegt. Und so schreiben wir einer ganzen Generation munter Eigenschaften zu, die niemals auf den Einzelnen zutreffen können, sondern höchstens als tendenziell zu sehen sind. Diejenigen, die diesen Erwartungen nicht gerecht werden, sind dann die nächsten Kandidaten für Psychiatrie und Psychotherapie.

Vielleicht brauchen wir neue Utopien

Natürlich hört sich das sehr schwarzgemalt an. Und statt eine Dystopie heraufzubeschwören, ist es viel sinnvoller, an Auswegen zu arbeiten. Einige Menschen tun das bereits. Menschen, die ihrer Sehnsucht nach Freiheit, Sinn oder Gemeinschaft gefolgt sind und die Grenzen des Möglichen ausgelotet haben, gab es schon immer. Menschen wie der US-amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau, der Mitte des 19. Jahrhunderts eine selbsterbaute Blockhütte am Walden-See bezog und dort etwa zwei Jahre allein und selbständig lebte. Diese Zeit beschreibt er in seinem Werk „Walden. Oder das Leben in den Wäldern“.
Aber auch heute noch gibt es überall auf der Welt Menschen, die beschließen anders zu leben. Die Weltreporter stellen 17 solcher Beispiele in dem von Marc Engelhardt herausgegebenen Buch „Völlig utopisch“ vor. Die große Zeit der Utopien hatten wir in den sechziger  und siebziger Jahren. Doch im von Ilija Trojanow verfassten Vorwort heißt es: „…heute, da Überwachungsstaat, oligarchische Strukturen, destruktive Finanzmärkte und vieles Kriminelle mehr Gegenentwürfe geradezu provozieren, braust der Wind wieder auf.“ Neben bekannten Projekten wie den dänischen Freistaat Christiania finden wir in dem Buch etwa die katalanische Hacker-Kommune Calafou oder eine selbstverwaltete Fabrik in Argentinien. Allesamt gelebte Utopien, die zeigen, dass man eben auch anders leben kann.

Neue Formen der Arbeit

Muss man aber zwangsläufig aus der Gesellschaft aussteigen, um selbstbestimmter leben zu können oder kann man den gesamtgesellschaftlichen Wandel auch durch Perspektivwechsel beim Einzelnen erreichen? Der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann entwickelte dazu das Konzept der „New Work“.  Dessen zentralen Werte sind Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an Gemeinschaft. In so genannten Zentren für Neue Arbeit sollen Menschen mithilfe von Mentoren herausbekommen, welche Arbeit sie wirklich tun wollen. Das herauszufinden ist keine einfache Aufgabe. Bergmann nennt das „Selbstunkenntnis“. Die Frage nach der Arbeit, die jemand wirklich tun möchte, soll eine Suchbewegung eröffnen, um schließlich das eigene Leben so zu verändern, dass man sich lebendig(er) fühlt.

Ein Unternehmen, das schon jetzt gänzlich anders arbeitet als herkömmliche Unternehmen, ist das Hamburger Kollektiv Premium Cola. Bei Premium sind alle Menschen gleichwertig, woraus sich ergibt, dass alle Entscheidungen mit allen im Konsens getroffen werden. So wird auch zum Beispiel über Löhne entschieden. „Stundenkontrollen gibt es aber nicht, jede/r rechnet ab, was er/sie meint“, erzählt Uwe Lübbermann, der Initiator von Premium Cola. „Ergänzungen zum Lohn gibt es nur für Kinder und bei Behinderungen. Das bedeutet, niemand kann zum Beispiel durch mehr Leistung finanziell aufsteigen.“ Das wurde natürlich bereits kritisiert, aber ein Kennzeichen von Sozialsystemen ist es, dass die Leistungsfähigeren die weniger Leistungsfähigen mitziehen.  So ist gewährleistet, dass der einzige Anreiz, bei Premium zu arbeiten, inhaltlicher Natur ist. Premium-Mitarbeiter arbeiten dort, weil es das ist, was sie tun möchten – und das bei freier Wahl des Ortes oder der Zeit, in der gearbeitet wird. „Das ganze dreht sich eigentlich nur darum, mit Menschen auf Augenhöhe zu arbeiten. Wenn man das dauerhaft macht, wird man zwar nie Millionär, spart sich aber ganz viel negativen Stress. Ich musste in 13,5 Jahren nur zweimal jemanden rauswerfen“, so Uwe „ insgesamt habe ich so wenig negativen Stress, dass das meiner psychischen Gesundheit auf jeden Fall sehr gut tut. Ich würde es nicht mehr anders haben wollen.“

 

Dieser Text erschien im Transform Magazin.

Kegelhüte für den Prenzlauer Berg

Literatur In ihrem Debüt „Sungs Laden“ entwirft Karin Kalisa eine charmante Utopie des Zusammenlebens

Gerade im von sanierten Altbauten geprägten, hoch gentrifizierten Stadtteil Prenzlauer Berg gehören zahlreiche vietnamesische Geschäfte und Restaurants zum Stadtbild. Hier spielt Karin Kalisas Debütroman Sungs Laden. Prenzlauer Berg – zu DDR-Zeiten dem Verfall überlassen, hat sich der Kiez nach dem Fall der Mauer bekanntlich zum Szeneviertel entwickelt. Aber anders als in anderen Städten geht man hier weniger ins türkische Lebensmittelgeschäft, sondern macht seinen täglichen Einkauf nicht zuletzt beim Vietnamesen. In Berlin leben verhältnismäßig viele Menschen mit vietnamesischen Wurzeln, rund 20.000 sollen es sein. Teils sind sie noch in Vietnam geboren, teils in zweiter oder dritter Generation in Deutschland.

Voller Wärme

Als sich nach dem Vietnamkrieg der vietnamesische Norden und Süden zur Sozialistischen Republik vereinigten, holte die DDR massenhaft sogenannte Vertragsarbeiter ins Land. Bis 1989 stieg die Zahl der Vietnamesen in Ostdeutschland auf etwa 60.000. Ihre Geschichte weist Analogien zum Schicksal der westdeutschen Gastarbeiter auf. Sie waren billige Arbeitskräfte, hatten kaum Rechte und sollten erst gar nicht wirklich in die Gesellschaft integriert werden. Es entstand eine stille Community, die irgendwie neben der Gesellschaft lebt.

Genau hier spielt Karin Kalisas Roman. Seinen Anfang nimmt die Geschichte in Sungs Laden. Sung ist so ein Sohn vietnamesischer Einwanderer, die als Vertragsarbeiter in die DDR kamen. Sung ist Berliner, sogenannter Prenzlberger, wenn man es genau nimmt. Eigentlich wollte er weiter Archäologie studieren und nach antiken Vasen graben, übernahm jedoch nach dem Tod seines Vaters Gam den kleinen Laden, in dem man noch alles finden kann, was es sonst kaum mehr zu kaufen gibt. Selbst Zeitungen vom Vortag.

Mit dem Heimatland seiner Eltern verbindet ihn nicht mehr viel. Er war nie in seinem Leben in Vietnam und nicht einmal die Sprache spricht er wirklich. Das ändert sich, als sein Sohn Minh für eine Schulaufführung etwas typisch Vietnamesisches mitbringen soll und seine Mutter Hien eine Holzpuppe, die lange Zeit eingewickelt in der Wohnung gestanden hat, hervorholt. Mit dieser Vorführung aber ändert sich noch mehr. Eine Lehrerin der Schule lässt einige dieser Holzpuppen nachbauen, um sie für eine Protestaktion zu verwenden.

Und plötzlich beginnt der gesamte Prenzlauer Berg, vietnamesisches Leben aufzunehmen. Überall sieht man auf einmal diese fürs vietnamesische Wasser-Puppenspiel gefertigten Figuren in den Schaufenstern, Menschen beginnen Vietnamesisch-Unterricht zu nehmen und der Nón lá, der vietnamesische Kegelhut, wird zum Modeaccessoire. Der Prenzlauer Berg blüht auf.

Hier lebt seit einigen Jahren auch die Autorin Karin Kalisa. Als Wissenschaftlerin forscht sie in den Bereichen asiatische Sprachen und Ethnologie. Für ihren Roman hat sie sich mit der vietnamesischen Community allgemein und mit dem Wassermarionettentheater im Speziellen beschäftigt. In Sungs Laden erzählt sie voller Wärme von den schönen Dingen, die Offenheit und menschliche Begegnungen mit sich bringen können. Sie zeichnet die Utopie einer weltoffenen Stadt, in der man bereit ist, von den anderen zu lernen, in der man nicht nebeneinanderher, sondern zusammen lebt.

Multikulti lebt

Leicht in der Sprache, optimistisch und einfach schön. Aber dennoch eine Utopie. Nur am Rande erwähnt Kalisa etwa die Anfeindungen, denen Vietnamesen in Deutschland ausgesetzt waren und sind. Der Rassismus beschränkte sich nicht allein auf die Beschimpfung „Fidschi“. Seinen Höhepunkt fand der Hass 1991 in den pogromartigen Ausschreitungen in Hoyerswerda, bei denen eine Meute ein Wohnheim für Vertragsarbeiter angriff. Und gerade heute, da der Rassismus wieder zunimmt, ist der Roman, so leicht er auch daherkommen mag, wichtig. Multikulti ist keineswegs ein gescheitertes Experiment, sondern größtenteils Realität.

Sungs Laden Karin Kalisa C.H. Beck 2015, 255 S., 19,95 €

Dieser Beitrag erschien in „Der Freitag“ Ausgabe 34/15.

Welche Farbe hat Identität?

Rassendebatte Geboren wurde die US-Bürgerrechtsaktivistin Rachel Dolezal „biologisch“ gesehen als weiße Frau. Sie erklärt aber, sich als Schwarze zu fühlen. Warum auch nicht?

Seit letzter Woche sorgt der Fall der 37-jährigen US-Amerikanerin Rachel Dolezal für Diskussionsstoff. Die Dozentin und Künstlerin ist als schwarze Bürgerrechtlerin tätig. Nun haben aber ihre Eltern angegeben, sie sei weiß und ihre Vorfahren stammen aus Deutschland, Schweden und Tschechien. In den Medien wurden auch umgehend Kinderfotos veröffentlicht, auf denen sie als blondes und hellhäutiges Madchen zu sehen ist. Wie dem auch sei, Dolezal versteht sich dennoch als Schwarze. Wie kann das sein?

Wir und die Anderen

Der jamaikanische Soziologe und Begründer der Cultural Studies Stuart Hall schrieb einmal, dass Identität stets „durch das Nadelöhr des Anderen“ gehen muss, bevor sie sich selbst konstruieren kann. Das heißt, das Ich ist eingeschrieben in den Blick des Anderen. Zum Problem wird das allerdings, wenn keine Wechselseitigkeit in Perspektive und Wahrnehmung besteht, wenn das „Wir“ nicht in Verhältnis zu den „Anderen“ gesetzt wird. Wenn Kategorien wie Nation, Klasse, Geschlecht oder Radde zu Spaltungsgründen werden, die die Welt in ein Innen und Außen teilen.

Rassen sind soziale Konstruktionen

Wir sind schnell dabei, uns abzugrenzen und meinen zu wissen, was uns von den Anderen unterscheidet. Einen Türken, einen Araber oder eben einen Schwarzen erkennen wir allzu schnell als solchen, ohne uns bewusst zu sein, dass die mutmaßlich natürlichen Unterschiede das Ergebnis kulturell tief verankerter Zuschreibungspraktiken ist. Ebenso wie Nationen sind auch Rassen soziale Konstruktionen und keineswegs biologische Fakten. „Es handelt sich nicht um die Pigmentierung der natürlichen, sondern um die Farbgebung einer sozialen Haut“ schreibt Wulf Hund in seinem Werk „Rassismus. Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit“.

Wir sind bunt – nicht schwarz oder weiß

Dolezal ist jetzt nicht der erste Fall einer Schwarzen mit weißer Haut, wenn man Hautfarbe nicht selbst als Konstruktion betrachten will. Auch Michael Jackson, der als schwarzer Amerikaner sozialisiert wurde, verstand sich noch als Schwarzer, als seine Haut nach mehreren Operationen bereits aufgehellt war. Die Einteilung in schwarz und weiß ist so alt wie falsch. Selbst wenn man tatsächliche Eigenschaften wie die Farbe der Haut betrachtet, sollte einem schnell klar werden, dass es lediglich unendlich viele Nuancierungen von Farbtönen gibt und keineswegs Schwarze, Weiße, Gelbe und Rote.