Ein unerwünschtes Opfer

Am 6. November jährt sich der Todestag von Walter Krämer zum 75. Mal. Als „Arzt von Buchenwald“ rettete Krämer vielen Mithäftlingen im KZ das Leben. Trotz internationaler Anerkennung blieb ihm lange Zeit eine Würdigung in seiner Heimatstadt Siegen verwehrt. Denn Krämer war Kommunist.

Die Zeit des Nationalsozialismus und der Holocaust gehören zu den zentralen Themen der heutigen Erinnerungskultur in Deutschland. Man ist sich einig, dass der Opfer des NS-Regimes gedacht werden muss, allein schon als Mahnung für die heutige und für kommende Generationen. Doch Opfer ist offenbar nicht gleich Opfer. Auch heute noch.

Der Prager Jude Artur Radvansky war im KZ Buchenwald interniert. Dass Radvansky die NS-Mordmaschinerie überlebte, hatte er auch seinem Mithäftling Walter Krämer zu verdanken: „Walter hat in der Nacht die Kranken und Verwundeten behandelt, so gut er nur konnte. Zu dieser Zeit hatte ich erfrorene Zehen. Als er sah, dass sie operiert werden mussten, hat er mich geheim ins große Lager zum Häftlingskrankenhaus als Leiche überführen lassen, in einer Kammer operiert und mich einige Tage versteckt. Auf diese Weise hat er mir das erste Mal das Leben gerettet. Dabei hat er sein eigenes Leben riskiert. Ähnlich wie mir hat er auch vielen anderen geholfen.“

Im Herbst 1941 wird Walter Krämer in das Außenkommando Goslar gebracht und nur wenige Tage später von der SS erschossen. Seine Asche wird in seine Heimatstadt Siegen überführt und beerdigt.

Vom Schlosser zum Politiker

Walter Krämer vor 1933, Foto: public domain
Walter Krämer vor 1933, Foto: public domain
Walter Krämer wird am 21. Juni 1892 als drittes von acht Kindern im nordrhein-westfälischen Siegen geboren. Das größtenteils protestantische Siegerland war damals eine Hochburg der nationalkonservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Nach seiner Ausbildung zum Schlosser geht Krämer 1910 als Freiwilliger zur Kaiserlichen Marine und beginnt sich für Politik zu interessieren. Nachdem er sich 1918 am Kieler Matrosenaufstand beteiligt hatte, arbeitet er im Siegener Arbeiter- und Soldatenrat und wird Mitglied der USPD, der auch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg angehörten. Drei Jahre später tritt Walter Krämer der KPD bei und wird zum führenden Funktionär der Partei im Siegerland.

Im Zusammenhang mit der Entdeckung eines Waffenlagers wird er im November 1923 zusammen mit weiteren Siegerländer Kommunisten verhaftet und Anfang 1925 schließlich zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Freilassung engagiert er sich weiter als Funktionär der KPD in Siegen, Düsseldorf, Krefeld, Wuppertal, Kassel, Berlin und Hannover, wird Abgeordneter im preußischen Landtag und politischer Sekretär der Bezirksleitung Niedersachsen.

Nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 wird Walter Krämer wie zahlreiche andere Kommunisten verhaftet. Wegen Hochverrats verurteilen ihn die Nazis zu dreieinhalb Jahren Gefängnis. Nach Haftende kommt er jedoch nicht frei, sondern wird erneut von der Gestapo festgenommen und schließlich im August 1937 im KZ Buchenwald inhaftiert. Dort ist er als Pfleger im Häftlingskrankenbau tätig. Mit dem umfangreichen medizinischen Wissen, das er sich dort aneignet, rettet Krämer zahlreichen Mithäftlingen das Leben. Bis die SS ihn am 6. November 1941 ermordet.

„Einen Kommunisten ehren?“

Fünf Jahre später, der Zweite Weltkrieg war seit einem Jahr beendet, forderte die KPD in Siegen erstmals, eine Straße nach Walter Krämer zu benennen. Im Folgejahr sollte eine Straße nach dem ehemaligen Siegener Bürgermeister Alfred Fissmer benannt werden, was jedoch von der britischen Militärregierung aufgrund dessen NSDAP-Zugehörigkeit untersagt wurde. Wieder schlägt die KPD Krämer vor, doch der Antrag scheiterte an den Ratsmehrheiten von CDU, SPD und FDP.

Mit dem Verbot der KPD 1956 fanden die Anstrengungen um eine Würdigung Krämers in seiner Heimatregion vorerst ein Ende. „Die Gegner einer Umbenennung waren immer in den etablierten Parteien zu finden. Da spielte es auch keine Rolle, ob es schwarz-gelbe oder rot-grüne Koalitionen waren. Es fanden sich immer Mehrheiten gegen eine Würdigung. Antikommunismus steckt dahinter. Einen Kommunisten ehren? Das konnte und durfte nun mal nicht sein“, erklärt Joe Mertens vom VVN-BdA Siegerland-Wittgenstein (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten), der sich seit 1996 als Initiator und Mitgestalter verschiedener Initiativen, Veranstaltungen und Kampagnen, für die Würdigung Walter Krämers einsetzt. Ganz anders sah es etwa in der DDR aus, wo unter anderem zwei Medizinische Fachschulen nach ihm benannt wurden. In Israel verleiht die Gedenkstätte Yad Vashem Walter Krämer sogar den Titel „Gerechter unter den Völkern“.

Im Siegerland kommt trotz verschiedener Vorschläge und Aktionen erst 1996 Schwung in die politische Diskussion, als sich der AStA der Universität Siegen und die Siegener Falken mit Unterstützung durch die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in eine Platzbenennungsdebatte einschaltet und dabei auch eine Unterschriftensammlung startet. „Unsere Gedenkveranstaltungen zu runden Geburts- und Todestagen, unsere alljährliche Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Befreiung, die auch immer zu Walter und Liesel Krämers Grab führt, waren und sind wichtige Kontinuitäten. Den Stein endgültig ins Rollen gebracht haben wir dann 2010 mit unserer Initiative Walter Krämer endlich ehren! Höhepunkt war ein großes Symposium mit dem Historiker und Faschismusforscher Kurt Pätzold und dem Buchenwaldexperten Ulrich Peters“, so Joe Mertens. Wieder werden Unterschriften gesammelt und medienwirksam an den Siegener Bürgermeister übergeben.

Zutiefst verinnerlichter Humanismus

So haben die Aktivitäten über die Jahrzehnte einen wichtigen Anteil daran, dass es schließlich doch noch zu einer Ehrung Walter Krämers in seiner Heimatstadt kommt. In einem offenen Brief schreibt der ehemalige Mithäftling Günter Pappenheim 2010 deutliche Worte an den Bürgermeister: „Walter Krämers Leben steht für moralische Integrität, politische Geradlinigkeit und zutiefst verinnerlichten Humanismus. Er ist eine herausragende Persönlichkeit, an die in Siegen angemessen und würdig erinnert werden sollte, weil sie sich der faschistischen Diktatur nicht beugte. Wir meinen, dass der internationalen Ehrung durch posthume Verleihung des Titels Gerechter unter den Völkern eine lokale Entsprechung folgen muss.“

2012, also 71 Jahre nach der Ermordung Krämers, beschließt der Rat der Stadt Siegen endlich mehrheitlich den Vorplatz des Siegener Kreisklinikums Walter-Krämer-Platz zu nennen. Eine Eintragung ins Straßenverzeichnis, wie es der VVN-BdA Siegerland-Wittgenstein gerne gesehen hätte, oder gar die Umbenennung der Klinik bleiben aus. Die Fürsprecher Krämers aber machen weiter: „Am Ende sind wir mit der Geschichte aber selbstverständlich noch nicht. Wir haben nach wie vor unsere eigenen Vorstellungen. Und die Zeiten machen eine Erinnerung an einen Kerl wie Walter Krämer notwendiger denn je.“

Die Verwendung des Zitates von Artur Radvansky erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW e.V.

 
November 2016

Weite Landschaft – enges Herz

Weites Land. Meilenweit unbewohnte Steppe und bis auf die verlassen erscheinende Landstraße kein Zeichen von Zivilisation in Sicht. Die Pampas sind nicht gerade der beste Ort, um eine Autopanne zu haben. Aber leider kann man sich das nicht aussuchen. Zum Glück kommt ein Transporter vorbei, der den Wagen des protestantischen Reverend Pearson abschleppt und ihn mit seiner pubertierenden Tochter Leni zur nächsten Werkstatt mitten im Nirgendwo bringt. Seit Jahren sind die beiden ständig mit dem Auto von einem Ort zum anderen unterwegs, übernachten in Hotels. Der Mechaniker, dem Pearson sein Auto anvertraut, ist ein gewisser Gringo Brauer, ein wortkarger, etwas mürrischer Mann fortgeschrittenen Alters. Zusammen mit seinem kindlichen Ziehsohn Tapioca, der eigentlich José heißt und sein leiblicher Sohn aus einer flüchtigen Beziehung ist, lebt er hier und genießt vor allen Dingen eines –  seine Ruhe. Doch das soll sich in der kommenden Nacht ändern, denn Pearson spricht nicht nur von Jesus, sondern pflanzt den Gedanken zu mehr bestimmt zu sein als zu diesem abgekapselten Leben in Tapiocas Herz. So beginnt ein Kampf, der an das biblische Ringen Jakobs mit dem Engel erinnert.

„Unser lieber Jesus strahlt, wenn er dich lachen hört“, sagte der Reverend jedes Mal, und der Angesprochene brach in sein typisches Kosakengelächter aus, das Einzige, was er sich aus Säuferzeiten bewahrt hatte, denn wie jeder gute Kosak war der liebe Zack ein begnadeter Trinker gewesen.

Selva Almada hat mit ihrem Roman ein überaus gelungenes Debüt vorgelegt. In ihrer einfachen, wenn man so will trockenen, Sprache beschreibt sie Szenen, die zunächst belanglos und gewöhnlich erscheinen. Anhand der Gespräche und vor allen der Rückblenden aus Sicht der vier Protagonisten, webt sie eine immer engmaschiger werdende Geschichte, die den Leser zu fesseln beginnt. Die Figuren sind überzeugend gezeichnet, sie wirken authentisch – sei es der naive Tapioca, der überzeugte Pearson, die genervte Leni oder der sarkastische Brauer.

Das Gewitter zog bereits weiter: auf die bläulichen Entladungen folgte gedämpftes Donnergrollen. Auch der Wind hatte sich gelegt, nur der Regen fiel weiter dicht und heftig. Die Erde hielt sich für die lange Trockenheit des Sommers schadlos und spuckte sie wieder aus, es bildeten sich Wasserblasen, die verkündeten, dass an Regen erst einmal kein Mangel war.

Die Spannung, die Alamada in ihrem Roman erzeugt, nimmt von Seite zu Seite zu und man wartet nur darauf, dass jeden Moment etwas eindrucksvolles oder auch unheilvolles passieren wird. Vor allem sind es die Details, die den Roman so lesenswert machen. Stimmung, Sprache und Schauplätze sind wie aus einem Guss, die Ödnis der Pampas spiegelt sich in der Leere in Brauers Leben, der anschließend aufziehende Sturm ist ebenfalls nicht nur metaphorisch. Sengender Wind überzeugt durch die Weglassungen, die dem Leser zum Denken, zum Imaginieren anregen.

 

SELVA ALMADA Sengender WindSelva Almada
Sengender Wind

Übersetzt aus dem Spanischen von Christian Hansen
Berenberg Verlag
128 Seiten
20,00 Euro

Lob des Zweifels

„Oder: Öfter einmal selbst denken.“

„Wer sagt das? Das musst du mir erstmal beweisen.“ Ich finde Menschen, die skeptisch sind und nicht immer alles direkt für bare Münzen nehmen ja gut. Menschen, die hinterfragen und sich eine zweite Meinung einholen bevor sie eine vermeintliche Wahrheit weitergeben. Diesen Typ Mensch gab es schon immer. Kennt man. Aber wie momentan hinterfragt wird, hat damit nichts zu tun. „Die Presse schreibt doch ohnehin nur, was ihr diktiert wird.“ Das Vertrauen in die vierte Gewalt ist geschrumpft. Informationen werden sich jetzt woanders eingeholt. Quellen, die mit der sogenannten Systempresse nichts am Hut haben, gibt es ja genug. Quellen, die als unabhängig angesehen werden, die angeblich das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen. Quellen, die in Wahrheit, wenn es denn eine Wahrheit gibt, nicht nur sehr zweifelhaft, sondern voreingenommen, manipulativ und boshaft sind.

Mit Menschen, die sich auf solche Quellen berufen, zu diskutieren ist nicht einfach nur anstrengend, es ist bald unmöglich. Immer wieder verwundern mich Faktenresistenz und vorurteilsbehaftete Meinungen, die einem täglich begegnen – im „realen“ Leben, in den Kommentarspalten der Zeitungen und ganz besonders in den sozialen Netzwerken. Ich frage mich dann, wie es in einem so hoch entwickelten Land wie Deutschland sein kann, dass Populismus und Stimmungsmache so verdammt erfolgreich sein können. Sind die Menschen so verzweifelt, dass sie auf falsche Propheten hören und sich gegeneinander ausspielen lassen?

Am Ende des Tages ist doch das wahr, was wir für wahr halten, oder?

Ich muss gestehen, auch ich bin ein Zweifler. Unbedingt. Auch ich frage mich hin und wieder, ob ein Artikel, den ich gerade gelesen habe, wirklich so gut recherchiert war und die Fakten stimmen. Eine gesunde Portion Zweifel hat meiner Meinung nach noch niemandem geschadet, denn was ist das schon: die Wahrheit? Am Ende des Tages doch das, was wir als wahr erachten, oder nicht?

Der französische Philosoph René Descartes formulierte in seinem Discours de la méthode, dass wir nichts für wahr halten sollten, was nicht so klar und deutlich erkannt ist, dass es nicht in Zweifel gezogen werden kann. Um zu einer Erkenntnis zu kommen, sollte man sich also lieber auf die Vernunft statt bloß auf die Wahrnehmung verlassen. Denn die Wahrnehmung lässt sich sehr einfach täuschen. Hierzu braucht man ein Glas Wasser und einen Strohhalm.  Nimmt man den Strohhalm in die eine und das Glas in die andere Hand und hält das Glas vor den Strohhalm, wird man bemerken, dass sich die Wahrnehmung von dem Strohhalm verändert. An der Stelle, wo das Wasser den Blick auf den Strohhalm verstellt, hat er einen Knick. Zugegebenermaßen ein sehr einfaches Experiment. Übertragen wir das ganze auf ein aktuelles Thema. Nehmen wir die „Flüchtlingsfrage“ in die eine Hand und halten mit der anderen Hand vorgefertigte Meinungen, Vorurteile, Angst, Gerüchte und Stimmungsmache davor. Herauskommt ein düsteres Bild, das noch mehr Angst macht. Angst, Wut, Ohnmachtsgefühle, noch mehr Wut. „Wie kann es sein, dass die einen alles bekommen, während andere vor dem Nichts stehen?“ Solche und ähnliche Fragen kommen auf. Das Haben wird über das Sein gestellt. Der Geflüchtete wird zur Projektionsfläche der im eigenen Leben erfahrenen Ungerechtigkeiten. Und keiner will die Parallelen sehen zwischen sich und den Anderen, den Fremden, den Flüchtenden. In der Zeit schrieb Slavoj Žižek: „Respektiert die anderen nicht einfach nur, bietet ihnen einen gemeinsamen Kampf an, da unsere Probleme heute gemeinsame Probleme sind!“

Die Wahrheit gibt es nicht!

Es ist schwer, über die tatsächliche Wahrheit zu sprechen, wenn es vielfach unterschiedliche Sichtweisen und Wahrnehmungen von ihr gibt. Der Radikale Konstruktivismus, eine Art Metadisziplin, die in Neurobiologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaft begründet liegt, sagt, dass wir Menschen gar keinen Zugang zu einer ontologischen, also absoluten Wahrheit haben. Wir haben nicht die Möglichkeit, die Welt, so wahrzunehmen, wie sie objektiv ist, sondern konstruieren uns unsere Wirklichkeit.

Es ist aber auch gar nicht nötig, die absolute Wahrheit zu suchen. Der Konstruktivismus hat die Forderung nach absoluter Objektivität längst aufgegeben und stattdessen den bescheideneren Begriff der Viabilität eingeführt. Übersetzt heißt das so viel wie Gangbarkeit. Nach Ernst von Glaserfeld, der mit Heinz von Foerster als Begründer des Radikalen Konstruktivismus gilt, sind Handlungen oder Begriffe dann viabel, wenn sie zu den Zwecken oder Beschreibungen passen, für die wir sie benutzen. Und so gilt es statt eine als objektiv wahr postulierte Aussagen eine viable Wahrheit zu finden. Auch wenn ich die Wahrheit nicht kenne, eins ist mir klar: Sie ist bestimmt nicht dort zu finden, wo man auf komplexe Sachverhalte einfache Antworten und schnelle Lösungen weiß.

Äpfel, Arbeit und das gute Leben…

Kaum einer mag bestreiten, dass wir uns in einer Zeit des Wertewandels befinden. Auch ist dies eine Zeit, in der jahrhundertelang gültige Werte in Frage gestellt werden. Der Wert der Arbeit etwa. Bezeichnend für unsere Einstellung zur Arbeit war bislang die protestantische Arbeitsethik, die Arbeit als Pflicht ansieht, ohne die – so Johann Kaspar Lavater – wir selbst im Himmel nicht gesegnet sein können.

Im Industriezeitalter universell gültig gewesene Werte wie Disziplin und Fleiß verschwinden jedoch nicht, sondern werden den Bedürfnissen angepasst. So wird aus Disziplin etwa Selbstdisziplin, die Voraussetzung ist für die berufliche und private Lebensplanung innerhalb einer flexibler werdenden Gesellschaft. Verantwortung wird von der Gemeinschaft auf den Einzelnen übertragen. Der Trend zur Individualisierung und Differenzierung schreitet am schnellsten in größeren Städten weit fortgeschrittener Konsumgesellschaften voran. Mit dem Einzug des Wohlstands nach dem Wirtschaftswunder haben auch materielle Gewinne an Wert verloren und sind nicht länger alleiniger Antrieb für Wirtschaft und Gesellschaft. Der Mensch misst insbesondere den knappen Gütern einen hohen Stellenwert bei. Nach Befriedigung seiner Primärbedürfnisse, wie Nahrungsaufnahme oder Wohnen, sind das nach Abraham Maslow Güter, die sein Sozialbedürfnis, das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung befriedigen.

Mit dem schwindenden Einfluss der großen Institutionen und Ideologien nach der Säkularisierung der Gesellschaft durch die Aufklärung und dem Fall des Eisernen Vorhangs, nimmt auch die Bedeutung von Werten ab, die eben durch diese propagiert und somit vorgeschrieben wurden. Die Individualisierung birgt die Gefahr des Verlustgehens von Gemeinschaft, aber sie bietet erstmals die Möglichkeit für das Individuum, eigene Wertkonstruktionen zu erschaffen und etwas zu entwickeln, das ich Wertepluralismus nennen möchte. Die Vorstellung vom guten Leben ist diesseitsbezogen und baut auf einem höheren Grad an Mündigkeit auf. Der Mensch ist mündiger geworden, weil er besser informiert ist denn je und sich seinen Glauben und seine Wertesysteme wie in einem Puzzle zusammenstellen kann. Ein Werte-Patchwork sozusagen. Ich spreche von Wertepluralismus, weil der Mensch sich heute Werten aus unterschiedlichen Weltanschauungen bedient, die vor Jahren nicht miteinander zu vereinbaren waren. So kann der Gesellschaftskritiker sich durchaus als Kapitalist verstehen, obwohl er das bestehende Wirtschaftssystem kritisiert und den maßlosen Konsum anprangert. Sein Verständnis von Kapitalismus ist vielleicht eher geprägt durch den Begriff der Nachhaltigkeit. Er muss nicht ein Feindbild haben, wie es beispielsweise die kommunistische Ideologie im Kapitalisten hatte, sondern versucht das Wirtschaftssystem von innen heraus zu reparieren. Im Vordergrund stehen dann nicht mehr immer größere Produktionsmengen und wirtschaftliches Wachstum um jeden Preis, sondern der vernünftige Umgang mit Ressourcen und die Förderung einer teilenden und tauschenden Wirtschaft. Und eine Rückbesinnung auf die tatsächlichen Werte der Dinge. Das bedeutet auch, dass einer Ware nur ihr tatsächlicher Gebrauchswert beigemessen wird. Denn dies ist, wenn man die aufwändige Inszenierung von Produkten betrachtet, selten der Fall.

Warum etwa sind immer mehr traditionelle heimische Apfelsorten so rar auf den Verkaufstischen der Supermärkte geworden? Bis zur Frühen Neuzeit gab es eine Handvoll Apfelsorten und wer Äpfel essen wollte, musste sich einen pflücken oder auf dem Markt kaufen. Der Wert eines Apfels – ob gekauft oder gepflückt – war seine Schmackhaftigkeit und sein Nährwert. Fortschritte in der Züchtung, Wirtschaftswunder, Welthandel und ausgeprägter Konsumismus führten dazu, dass sich der Wert eines Apfels änderte. Pink Lady oder Granny Smith aus Chile oder Kalifornien sind auf einmal leckerer und wertvoller als der gute alte Boskoop. Je exotischer die Herkunft, desto besser. Wir können unsere Waren von überall her bekommen und mit jedem Biss in einen argentinischen Red Delicious holen wir uns Sonnenstrahlen, den Wind der Pampa und ein Stück Gaucho-Lebensgefühl ins Haus. Ein Apfel ist immer noch ein Apfel. Sein Wert aber ist ein anderer, denn neben seinem Nährwert bietet er aufgrund seiner Herkunft und unserer Vorstellung vom Herkunftsland einen Fiktionswert. Er wird überhöht, wird fast zum Fetisch. Und heute in Zeiten, in denen bewusster Konsum und nachhaltiges Wirtschaften für viele bedeutender werden, geht der Trend zurück zur alten, nicht überzüchteten Apfelsorte, zum Apfel aus kontrolliert ökologischem Anbau, zum Apfel aus der Region. Was natürlich im Großen und Ganzen durchweg vernünftig ist, kann aber ebenso einen Fiktionswert erhalten, wenn eine ganze Industrie auf dieses Bedürfnis, mit dem eigenen Konsum die Welt ein Stück besser zu machen, anspringt und plötzlich Produkte anbietet, die das Gewissen der Verbraucher ansprechen und ihnen die Möglichkeit eines modernen Ablasshandels bietet. In seinem Buch Habenwollen beschreibt der Kulturwissenschaftler und Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich diese Dimension des Konsums folgendermaßen: “Dem Habenwollen ging und geht ein Habenmüssen voraus, und erst wenn die notwendigen Bedürfnisse befriedigt sind, ist für die Erfüllung – und Entwicklung – von Wünschen Platz.”

Es stellt sich weniger die Frage, ob Gesellschaft und Wirtschaft neue Werte brauchen. Vielmehr ist mehr Bewusstsein gefragt. Werte nutzen der Gemeinschaft von Menschen erst, wenn sie verinnerlicht werden. Ein achtsamer Umgang mit Ressourcen, anderen Menschen und nicht zuletzt mit sich selbst wirkt unterstützend dabei, die eigenen Motive bewusst zu machen und dem Leben um uns herum mehr Wertschätzung entgegenzubringen.

Addio, Umberto!

Den meisten ist Umberto Eco durch Bücher wie Der Name der Rose, das ihn weltberühmt machte, ein Begriff. Am Abend des 19. Februar ist mit ihm einer der größten italienischen Intellektuellen der Gegenwart im Alter von 84 Jahren gestorben. Er war bereits lange Zeit an Krebs erkrankt.

Eco wurde am 5. Januar 1932 als Sohn eines Buchhändlers im piemontesischen Alessandria geboren. Er studierte  Philosophie und Literaturgeschichte in Turin und arbeitete anschließend mehrere Jahre als Kulturredakteur und anschließend als Lektor beim Bompiani Verlag in Mailand. 1971 berief ihn die Universität Bologna als Professor für Semiotik. Seinen ersten Roman schrieb er, als er bereits anerkannter Wissenschaftler und Publizist war. Der Name der Rose  verkaufte sich über 15 Millionen Mal.

Als unorthodoxer Linker schrieb Umberto Eco unter anderen für die italienische Zeitung „Il Manifesto“ und war 1979  Mitbegründer der Literatur-Monatszeitung „Alfabeta“. 2002 war Eco an der Gründung der Gruppe „Libertà e Giustizia“ („Freiheit und Gerechtigkeit“) beteiligt, die sich als intellektuelle Opposition gegen die Politik Silvio Berlusconis verstand. In seinem letzten Roman Nullnummer, der 2015 erschien, beschäftigte sich Eco kritisch mit der Presse und Politik im heutigen Italien.

Mit Eco geht nicht nur ein großer Intellektueller, sondern auch eine wichtige Gegenstimme im heutigen Italien.

Das Unbegreifliche verstehen

Shoah-Literatur Martin Amis‘ Stammverlag wollte seinen neuen Roman „Interessengebiet“ nicht verlegen. Das Buch über eine Liebesgeschichte inmitten der Schrecken der Shoah ist umstritten.

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Martin Amis 2012 in Köln Foto: Maximilian Schönherr / CC

Er gilt als Enfant terrible der englischen Literaturszene. Gewiss gefällt sich Martin Amis, der Sohn des britischen Schriftstellers Kingsley Amis, auch in dieser Rolle. Die New York Times bezeichnete ihn einmal als wohl wütendsten Belletristen und Meister der ‚Neuen Widerwärtigkeit‘. Im Herbst 2015 ist Amis‘ neuer Roman auf Deutsch erschienen – bei einem Schweizer Verlag. Sein Stammverlag Hanser hat den im Konzentrationslager Auschwitz angesiedelten Roman „Interessengebiet“ nicht verlegen wollen. Und wie kann es anders sein – das Buch über eine Liebesgeschichte inmitten der Schrecken der Shoah ist umstritten.

Schwarzer Humor im Angesicht des Grauens

Interessengebiet ist sicherlich keine Komödie, jedoch machen Elemente wie der Lagerkommandant Paul Doll, der sich immer wieder selbst sagen muss, dass er ein normaler Mensch sei, das Buch zur Satire. Amis selbst sagte dazu, Satire ließe sich nicht vermeiden und dass sie militante Ironie sei. In einem Interview mit der FAZ erklärte er, dass er mit seinem Roman „die Idiotie des ganzen NS-Unternehmens hervorheben“ wolle, „die vollkommene Unverständlichkeit des Ganzen.“

Erzählt wird „Interessengebiet“ von drei Ich-Erzählern – dem Lagerkommandanten Paul Doll, dem SS-Obersturmbannführer Gold Thomson, der sich in Dolls Frau Hannah verliebt, und dem jüdischen Sonderkommando Szmul, der sich selbst als traurigsten Mann der Weltgeschichte bezeichnet.

Banalität des Bösen

Als Anfang der 1960er Jahre dem SS-Mann Adolf Eichmann in Israel der Prozess gemacht wurde, schrieb Hannah Arendt über die Banalität des Bösen. Sie beschreibt Eichmann als Typus der arbeitsteiligen Moderne, den Massenmord als gesteuert von einer Ideologie des Planbaren und der Sachlichkeit. In „Interessengebiet“ zeigt Amis genau diesen Aspekt der Tötungsmaschinerie. Das Konzentrationslager ist nicht nur Vernichtungslager, sondern auch Profit Center des Nationalsozialismus. Zwischen ständig neu ankommenden Transporten, Selektionen und Gaskammern bewegen sich Nazis in einem Alltag, der allzu menschliche Probleme, Befindlichkeiten bis hin zu Gefühlen der Liebe beinhaltet. Figuren wie der Lagerkommandant Doll, der an Rudolf Höß angelehnt ist, sind natürlich bis hin zur Groteske überzogen. Er muss sich stets selbst sagen wie normal er eigentlich ist, so als glaubte er es selbst nicht.

Ein verstörendes Buch

Der Roman versucht Erklärungen zu finden – Erklärungen für das Unbegreifliche. Und hier liegt auch die Kontroverse dieser Geschichte und meiner Meinung nach nahezu jeder Geschichte über die Shoah. Kann man das Geschehene überhaupt erklären? Soll oder will man das? Und kann sich ein Autor, der nach 1945 geboren wurde und der keine persönliche Berührung mit dem Holocaust hat, diesem Thema angemessen annähern? Die Meinungen hierzu gehen auseinander. Kritiker meinen, dass man das Grauen, das man selbst nicht erlebt hat, auch nicht beschreiben kann. Können wir aber das Grauen in seiner ganzen Wirkung erfassen, wenn wir die Schilderungen eines Opfers lesen? Ich glaube nicht. Auch mit authentischen Augenzeugenberichten bleiben wir allein mit unserem individuellen Einfühlungsvermögen und unserer Imaginationsfähigkeit. Deshalb ist „Interessengebiet“ mit Sicherheit ein berechtigtes Buch. Und es ist ein verstörendes Buch. Auch das ist gut. Denn ein Stück weit schafft es der Roman zu zeigen, dass die Shoah nicht das Werk von Monstern, sondern von Menschen war – Menschen mit einem Alltag, mit einem Beruf, mit Bedürfnissen, Vorlieben und Wünschen. Umso mehr mahnt ein solches Buch, achtsam und wachsam zu bleiben, damit sich eine solche menschliche Tragödie nicht wiederholt.

Martin Amis: Interessengebiet
aus dem Englischen von Werner Schmitz
416 Seiten
Verlag: Kein & Aber
Dieser Beitrag erschien zunächst auf novelero – Blog für Literatur

Rebell gegen den Irrsinn der Normalität

Die Filmemacherin Andrea Roggon begleitete den Künstler Helge Schneider über knapp vier Jahre für ihren Dokumentarfilm „Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort“. Herausgekommen ist ein Portrait eines vielseitigen Mannes, der schwer zu fassen bleibt.

Viele kennen Helge Schneider nur als albernde, etwas skurrile Figur auf der Bühne oder in seinen Filmen. Dabei ist er weitaus mehr als das. Es gibt auch den ernsten Helge und den Perfektionisten. Nur zeigt er den Menschen Helge Schneider nicht, sondern macht um sein Privatleben ein Geheimnis. „Geheimnisse sind wichtig“, sagt er zu Beginn von Roggons Debütfilm. „Nehmen wir mal an Van Gogh, der berühmte Maler… Stell dir mal vor, die Leute wüssten wie der gewesen ist, wenn der einkaufen geht. Deshalb hab’ ich auch nicht gerne, wenn man zu viel über mich weiß.“ Und so sabotiert Helge Schneider die für den Film vorgesehene Struktur, indem er private Fragen ablehnt, Tagespläne umwirft oder nach nur einer Interviewfrage das Zimmer verlässt.

Schneider polarisiert

Spätestens seit dem Erscheinen seines ersten Spielfilms 1993 ist Helge Schneider in Deutschland einem größeren Publikum bekannt. Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem ist ein Western à la Schneider. Grotesk ist nicht nur nicht nur die Handlung, die den Protagonisten Doc Snyder (gespielt von Helge Schneider selbst) nach 30 Jahren Abwesenheit zurück in seine Heimatstadt führt. Er will dort einen Sack schmutziger Wäsche von seiner Mutter waschen lassen. Auch die Nebencharaktere wie der alternde Revolverheld Nasenmann oder Doc Snyders garstige Mutter (gespielt von einem Mann) sind überdrehte Versionen des klassischen Westernpersonals. Der in einem Wohnwagen hausende liebe Gott oder der aus einer anderen Zeit stammende Kommissar 00 Schneider (natürlich auch von Helge Schneider selbst verkörpert) lassen die Erwartungen an Dramaturgie und Logik endgültig ins Leere laufen.

Die eigenwillige Ausstattung und die zum Großteil improvisierten Szenen und Dialoge, die aus dem geringen Budget eine Tugend machen, tragen ein Übriges zum gewollt dilettantischen Charakter des Films bei. Dieser Linie blieb Helge Schneider nicht nur bei seinen weiteren vier Filmen treu. Vor allem das Element der Improvisation durchzieht sein gesamtes Schaffen. Er legt ein so breites kreatives Repertoire an den Tag wie kaum ein anderer Künstler in Deutschland. Neue Spielfilme, Bücher, Hörspiele, Konzerte und Bühnenshows scheinen nur so aus ihm herauszusprudeln. Und im Wechselspiel mit seinem Live-Publikum läuft Helge, der Improvisator, zu Höchstform auf.

So sind seine Bühnenshows durchsetzt von musikalischen Einlagen, die ebenso zwischen Improvisationen und Einstudiertem oszillieren, wie der Rest des Programms. Doch bei allem bleibt Helge Schneider dennoch Perfektionist. „Ich erkläre mir meine eigene Perfektion. Meine eigene Perfektion kann auch wackelig sein. Das macht einem alles ein bisschen leichter.“ Besonders deutlich wird das in Andrea Roggons Film, wenn Helge Schneider seine Begleitband akribisch Fehler einstudieren lässt.

Helges Auftritte sind so ziemlich das Gegenteil der sonst vorherrschenden aalglatten und einstudierten Comedy auf deutschen Bühnen. Aber er ist nicht jedermanns Sache. Sein Humor, manche bezeichnen ihn als dadaistisch, ist geprägt von einem Minimalismus, man könnte sagen, es ist eine Art Verweigerungshumor. Und den zieht er konsequent durch – egal, ob er auf der Bühne steht, einen Film dreht oder in einer seriösen TV-Talkrunde sitzt. Die einen nervt sein Genuschel, seine absurden Monologe und seine Art schlechthin, bei den anderen jedoch genießt er unangefochtenen Kultstatus.

„Den grauen Alltag mache ich mir selber bunt“

Die Szene, in der Helge Schneider auf eine Frage von Andrea Roggon über Freiheiten mit den Worten „Die Freiheit muss man sich nehmen“ das Interview abbricht und das Zimmer verlässt, ist exemplarisch für den ganzen Film. Schneider ist nicht greifbar und die Arbeit mit ihm nicht planbar. Man muss immer wachsam sein, um die Grenze zwischen dem Künstler und dem Mensch hinter der Maske erkennen zu können. Das gelingt nicht oft.

Anders ist es aber an der Stelle, als Helge anfängt, über seine Kindheit zu erzählen. Von seinen roten Haaren, die ihm quasi von Natur aus die Rolle des Außenseiters aufgedrückt haben. In dieser Zeit habe auch seine Rolle als Witzbold begonnen und man hört heraus, dass eben das seine Art von Protest gegen alles Normale darstellt – oder was als normal angesehen wird. Helge Schneider macht, was er will. Ist der Alltag grau, macht er ihn sich bunt. Helge Schneider ist der Anarchist unter den deutschen Komikern.

Wer ist der Mensch Helge Schneider?

Helge Schneider hier und da, so lautet der Untertitel des Films. Gezeigt werden sollte ein privater Schneider, der noch immer in seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, lebt. Dem gegenüber steht der Helge Schneider auf der Bühne und in seinen Filmen. So persönlich das Portrait vielleicht einmal angedacht war, wirklich näher kommt der Film dem Menschen Helge Schneider nicht. Denn der gibt sich einfach nicht zufrieden mit der passiven Rolle des Interviewten und Betrachteten. Stattdessen nimmt er den Verlauf des Films ein Stück weit selbst in die Hand und so wird aus der Dokumentation über Helge Schneider vielmehr eine Dokumentation über den Versuch, eine Dokumentation über Helge Schneider zu drehen.

 

Dieser Beitrag erschien bei jádu – das junge deutsch-tschechische Onlinemagazin

Darf Satire wirklich alles?

Foto: Jeanne Menj, CC BY-ND 2.0
Auf der Kundgebung in Paris am 10. Januar 2015, einen Tag nach dem Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Foto: Jeanne Menj, CC BY-ND 2.0

Vor 125 Jahren wurde der deutsche Schriftsteller und Journalist Kurt Tucholsky geboren. Er gilt als einer der größten Satiriker seiner Zeit. Was hätte er wohl zur heutigen Diskussion um die Frage, was Satire darf, gesagt?„Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.“ So schrieb es Kurt Tucholsky unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel 1919 im Berliner Tageblatt. Satire stieß und stößt noch immer vielen Menschen übel auf. Diese Erfahrung musste auch Tucholsky des Öfteren machen. Und das nicht erst, als die Nazis seine Bücher verbrannten.

An Klagen und Anfeindungen mangelte es nie. Mal lautete die Anklage auf Gotteslästerung, mal auf Verunglimpfung oder Beleidigung. Dabei ging es Tucholsky ganz und gar nicht darum, Personen oder eine Gruppe zu beleidigen. Vielmehr sollte seine Satire auf Missstände aufmerksam machen und Menschen zum Umdenken bewegen, denn „Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.“

„Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als bei der Satire.“

Wo sind die Grenzen der Satire?

Auch wenn heute über die Grenzen der Satire diskutiert wird, ist Tucholskys Zitat „Was darf Satire? Alles.“ nicht nur in aller Munde, sondern auch in sämtlichen sozialen Netzwerken zu finden. Natürlich soll Satire mehr als nur witzig sein. Sie muss provozieren, um Wirkung zu erzielen, wobei die Grenzen recht weit gefasst sind. Gesetzlich ist die Satire durch die im Grundgesetz garantierte Freiheit der Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst geschützt. Während im 19. Jahrhundert so mancher Satiriker noch mit schweren Haftstrafen rechnen musste, bestehen juristische Nachspiele heute, zumindest in Deutschland, lediglich in Unterlassungsklagen oder schlimmstenfalls in Schmerzensgeldforderungen. Zumindest müssen Karikaturisten und satirische Autoren kaum schlimmere Strafen von staatlicher Seite erwarten.

Und doch wird seit Anfang des Jahres erneut diskutiert, wo die Satire Grenzen überschreitet, und Karikaturisten üben ihren Beruf wieder unter Angst aus. Am 7. Januar 2015, zwei Tage vor Tucholskys 125. Geburtstag, wurden bei einem Terroranschlag auf das Redaktionsbüro des bekannten französischen Satiremagazins Charlie Hebdo zwölf Menschen getötet, darunter fünf prominente Karikaturisten und der Herausgeber des Magazins. Bereits 2011 war das Charlie Hebdo Ziel eines Brandanschlages geworden, bei dem großer Sachschaden entstand, jedoch kein Mensch verletzt wurde.

Auslöser für beide Anschläge waren von Charlie Hebdo veröffentlichte Karikaturen des islamischen Propheten Mohammed. Zwar kam es unmittelbar nach der Tat zu zahlreichen Solidaritätsbekundungen in Frankreich und anderen europäischen Staaten und noch Tage und Wochen später las man überall „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie). Aber auch die Frage, wie weit Satire gehen dürfe, wurde wieder gestellt.

Sonja Thomassen, GNU Free Documentation License 1.2
Kurt Tucholsky in Paris 1928 von Sonja Thomassen. Lizenziert unter GFDL 1.2 über Wikimedia Commons

Das Dargestellte nicht mit dem Darstellenden verwechseln

Ehre sei Gott in der ersten Etage!
Courage! Courage!
Macht eure Fabrik auch mal Plei-hei-te,
die Kirche, die steht euch zur Sei-hei-te
und gibt euch stets das Geleite:
sie beugt dem Proleten den Rücken krumm
und hält ihn sein ganzes Leben lang dumm,
und segnet den Staat und seine Soldaten,
die Unternehmer und Potentaten
und segnet überhaupt jede Schweinerei
und ist allemal dabei.
Jeder lebe in seinem Rahmen:
unten die Arbeitsamen
und oben die mit den Börseneinnahmen –
Amen.

(aus: Kurt Tucholsky, Gesang der englischen Chorknaben, 1928)

Gewiss gibt es Grenzen für die Satire. Aber der Leser sollte, so Tucholsky, nicht den Fehler begehen, das Dargestellte mit dem Darstellenden zu verwechseln. „Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: „Seht!“ – In Deutschland nennt man dergleichen ‚Kraßheit‘. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen.“

Auch für Tucholsky waren religiöse Institutionen Zielscheibe seiner Satire. Vor allem kritisierte er die christlichen Kirchen für ihr Verhalten im Ersten Weltkrieg. Aber dennoch spottete er nicht über eine Religion an sich. Er unterschied klar zwischen den spirituellen Inhalten einer Religion und den gesellschaftlichen Ansprüchen einer Religionsgemeinschaft. So kritisierte er beispielsweise die deutschnationale Überzeugung mancher Juden seiner Zeit, machte sich aber nie über den jüdischen Gott lustig. Auf Vorwürfe der katholischen Zentrumspartei entgegnete er in einem privaten Briefwechsel 1929: „Ist nicht überall sauber unterschieden zwischen der Kirche als Hort des Glaubens, über den ich mich niemals lustig gemacht habe – und der Kirche als politische Institution im Staat?“

Wie verhält es sich also mit Satiren, die auf Religionen abzielen, wie eben den Mohammed-Karikaturen? Natürlich werden solche Karikaturen als beleidigend und als Verunglimpfung einer gesamten Religionsgemeinschaft empfunden. Das ist bekannt – und zwar auch den Schöpfern der Bilder. Die Diskussion darüber, ob das Verhalten von Magazinen wie Charlie Hebdo legitim ist, darf nicht mit Maschinengewehren und Handgranaten geführt werden. Man darf aber die Frage stellen, ob es nicht eher angebracht ist, die Instrumentalisierung der Religion durch Extremisten für deren politische Zwecke zu karikieren statt den Religionsstifter.

So hoch das Gut der freien Meinungsäußerung ist, Würde und die für viele Menschen sehr bedeutsame Religiosität sollte nie Ziel des Spottes sein. Satire darf und soll die Mächtigen kritisieren und durch den Kakao ziehen, nicht den Einzelnen und nicht den Schwachen. Und so ist es ein Unterschied, ob man einen Papst, der nicht nur religiöses Oberhaupt, sondern in gewissem Sinne auch politischer Akteur ist, in satirischer Form darstellt oder die Religion an sich nicht nur in Frage stellt, sondern mit der Verunglimpfung des Stifters ins Lächerliche ziehe.

Dieser Beitrag erschien bei jádu – das junge deutsch-tschechische Onlinemagazin

Rache auf Raten

„Es gibt mehr Dinge zwischen Mensch und Mensch
als zwischen Himmel und Hölle.“

Natalie Reinegger ist Betreuerin in einer psychiatrischen Anstalt – „Bezugi“. Insbesondere betreut sie Herrn Dorm, einen Rollstuhlfahrer, der sich gerne schminkt und Natalie mit Verachtung straft, da sie seiner Meinung nach knabenhaft und schrecklich aussieht und er ohnehin ein gewaltiges Problem mit Frauen hat. Wenn sie nicht im Heim arbeitet, streunt Natalie durch die nächtlichen Grazer Straßen und befriedigt wildfremde Männer oral. Währenddessen schneidet sie die Geräusche, die ihre Zufallspartner machen, auf ihrem iPhone mit und mischt die Sequenzen miteinander. Des öfteren bringt sie von ihren Touren auch benutzte Kondome mit nach Hause.

Einsamkeit

Zuhause schaut sie mit Vorliebe Live-Sendungen. Welche auch immer. Hauptsache live. „Der Drang nach einer Live-Sendung wurde zu dieser Zeit unbeherrschbar stark.“ Ich kenne das von älteren Leuten, die alleine leben. Morgens wird der Fernseher eingeschaltet und zwar tatsächlich am besten eine Live-Sendung. Da ist man dann mittendrin. Da ist man nicht alleine. Manche schauen das Musikantenstadl und schunkeln mit imaginären Sitznachbarn. Andere diskutieren als Special Guest in politischen Talkrunden mit. Was Schunkler und Debattierer gemein haben ist das Gefühl der Einsamkeit. Isolation. Das Gefühl nicht mehr mit dem Rest der Welt verbunden zu sein. Das Fernsehen wird zum Schlupfloch in die wirkliche Welt, die Welt da draußen.

Natalie erscheint mir als zutiefst einsame Person. Nicht aufgrund fehlender sozialer Kontakt, sondern weil sie wie abgeschnitten von der Welt zu sein scheint. Deshalb die Live-Sendungen und alles Weltüberspannende, das sie mag. Deshalb auch die unverbindlichen Sexualkontakte an den Abenden, an denen sie streunen geht. Und da bestätigt Fromm, wie ich finde, mein Gefühl: „Das Bewusstsein der menschlichen Getrenntheit ohne die Wiedervereinigung durch die Liebe ist die Quelle der Scham. Und es gleichzeitig die Quelle von Schuldgefühl und Angst.“  Ich denke, es lässt sich wohl behaupten, dass es in Natalies Leben keine wirklich von Liebe geprägte Beziehung zu einem anderen Menschen gibt. Zumindest erfahren wir nichts davon. Keine Liebe – keine Wiedervereinigung – folglich Isolation. Ausweg: Dinge, die ihr das Gefühl geben, an der Welt teilzuhaben und die vermeintliche Vereinigung beim Oralverkehr. Der sexuelle Akt „wird zum verzweifelten Versuch, der durch das Abgetrenntsein erzeugten Angst zu entrinnen, und führt zu einem ständig wachsenden Gefühl des Abgetrenntseins, da der ohne Liebe vollzogene Sexualakt höchstens für den Augenblick die Kluft zwischen zwei menschlichen Wesen überbrücken kann“ (Erich Fromm). Und dieses Gefühl konserviert sie in den Mitschnitten, die sie mit ihrem iPhone macht.

Eine Rache, die keine mehr ist

Regelmäßig wird Herr Dorm von Christoph Hollberg besucht, mindestens einmal wöchentlich. Die Beziehung Hollberg – Dorm ist äußerst abstrus. Dorm war Hollbergs Stalker und hat dessen Frau nicht nur an den Rand der Verzweiflung, sondern letztlich zum Selbstmord getrieben. Wenn Hollberg zu Besuch kommt, schminkt sich Dorm besonders intensiv, alles muss passen für den von ihm Angebeteten. Was Dorm nicht zu merken oder zu ignorieren scheint, ist dass Hollberg sich während seiner Besuche und den gemeinsamen Spaziergängen äußerst ironisch verhält und ihn auf Distanz hält. Und so wird Natalie Teil dieser merkwürdigen Beziehung, die im Heim stets als Arrangement bezeichnet wird, und Zeugin einer Art Rache auf Raten, einer Rache, die so endlos lang gezogen ist, dass sie scheinbar keine Rache mehr sein kann.

Verstörend, beunruhigend und bisweilen ekelerregend

Auf gut 1000 Seiten beschreibt Clemens J. Setz nicht nur die Geschichte eines Stalkers und dessen Opfers. Natalie, die Protagonistin, die in diese Stalking-Rache-Geschichte hineingesogen wird, ist der Antiheld, der Fragen aufwirft wie die nach der Normalität. Was ist Normalität, was ist abweichend und was krank? Darüber hinaus gelingt Setz, der selbst ein Jahr lang als Zivildienstleistender in einem Heim gearbeitet hat, ein Porträt der Abläufe und Strukturen, des teilweise gnadenlosen Alltags in Pflegeinstitutionen. Die Stunde zwischen Frau und Gitarre ist ein Roman, der einen verstört und unruhig machen kann. Manche Stellen erregen Ekel, lassen aber tief in die Psyche der Protagonistin blicken. So tief, dass man bisweilen das Gefühl hat, ähnliches wie das Beschriebene zu erfahren, der Roman scheint unmittelbare Auswirkungen auf einen selbst zu haben. In der FAZ beschrieb Jan Wiele das folgendermaßen: „Je mehr man liest, desto öfter beschleicht einen das Gefühl, dass das Beschriebene auch auf einen selbst zutreffen könnte. Das ist das Phänomen der angelesenen Krankheit, der ‚Google Disease‘, die Menschen bei sich selbst diagnostizieren und damit Ärzte zur Verzweiflung bringen.“

55ec369d2923519c1ab31074Clemens J. Setz
Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015.
1020 S., geb., 29,95 €.

Kein weiblicher Bernhard, aber

Literatur Der neue Roman der Argentinierin María Sonia Cristoff reizt zu ganz großen Vergleichen

Jenseits von Buenos Aires ist Argentinien vor allem dies: eine schwach besiedelte, weite Landschaft und jede Menge Ruhe. Diese Ruhe ist es auch, die die Protagonistin Mara im gerade erschienenen Roman Lasst mich da raus der argentinischen Schriftstellerin María Sonia Cristoff sucht, als sie ihr altes Leben hinter sich lässt, um eine Anstellung als Saalwärterin in einem Provinzmuseum im Hinterland von Buenos Aires anzunehmen.Lasst mich da raus ist der vierte auf Deutsch veröffentlichte Roman der 1965 in Trelew, Patagonien, geborenen und heute selbst in Buenos Aires lebenden Autorin.

Mara also möchte schweigen – nachdem sie in ihrer Tätigkeit als Simultandolmetscherin fast ohne Unterlass sprechen musste. Ein Job in einem wenig besuchten Museum scheint da ideal. Und dass sie in der Nähe ihrer Heimatstadt bleibt, zeigt, dass sie sich, nach vielen Jahren des Reisens, nicht mehr groß bewegen will.

All das erinnert an den berühmten Ausspruch von Herman Melvilles Antiheld Bartleby, dem Schreiber: „I would prefer not to“ – ich möchte lieber nicht. Auch Mara möche lieber nicht, ihr Vorhaben kann als Versuch gedeutet werden, sich den mannigfachen Manipulationen und Zwängen zu entziehen, wie sie ihr bei ihrer Arbeit für diverse internationale Organisationen begegnet ist.

Das mächtigste Instrument dieser Manipulation ist die Sprache, das weiß die Dolmetscherin natürlich. Sie will also Schweigen, entwickelt eigens ein Handbuch der Rhetorik, in dem sie zehn Formen des Schweigens unterscheidet. Freilich ist ihr Schweigen nicht absolut. Mara möchte sich ja nicht verstecken, sondern kämpfen. Von ihrem Stuhl im Museum aus möchte sie Widerstand leisten. Widerstand gegen eine Gesellschaftsordnung, die Menschen danach beurteilt, wie nützlich sie sind. Dabei ist Mara keineswegs passiv oder gar depressiv. Vielmehr zieht sie sich zurück, um innezuhalten – und um im zweiten Teil des Romans schließlich zu reagieren, nachdem sie befördert und einem redseligen Tierpräparator zur Seite gestellt wird.

Das Überdrehte fehlt

In Argentinien wurde Cristoff für ihren Roman hoch gelobt. Die Literaturkritikerin Beatriz Sarlo wählte ihn gar zum besten argentinischen des Jahres 2014. Spätestens seit ihrem Aufenthalt als Stadtschreiberin in Leipzig 2010 ist die Autorin auch in Deutschland keine Unbekannte mehr.

In seiner Verlagsvorschau preist der Berenberg-Verlag Cristoff als eine Art argentinischen Bernhard an: „Würde Thomas Bernhard leben, wäre er eine Frau und lebte er in Argentinien – es wäre sein Buch!“ Ein Vergleich, der allerdings hinkt, auch wenn sich einige Analogien gewiss nicht leugnen lassen. Maras selbst auferlegtes Schweigejahr in der Provinz erinnert ja durchaus an Bernhard, durch dessen Werk sich das Thema Isolation wie ein roter Faden zieht. Und auch die vielen Wort- und Satzwiederholungen kennt man aus dem Werk des Österreichers, der sie zum Stilprinzip erhoben hat. Cristoff arbeitet ebenfalls mit Repetitionen, die jedoch selten inhaltlicher Natur sind, und vor allem arbeitet sie mit Aufzählungen: „Die Gründe für seinen Überdruss: der Lauf der Zeit, neue Verheißungen, neue Verrücktheiten, laue Überzeugungen, trübe Gewohnheiten, Idiotie, Geschwätz, Ahnungslosigkeit, Provinzialität, die Verwüstung der Stadt.“

Und dann fehlt das Überdrehte und auch die Selbstironie der bernhardschen Protagonisten. María Sonia Cristoff selbst nennt denn auch andere Vorbilder. Einflüsse auf sie hätten vor allem Autoren gehabt, die sich unwohl an ihrem Geburtsort gefühlt, autobiografisch und nicht besonders feierlich geschrieben haben. Autoren wie Melville, Beckett oder Huysmans.

„In der Tat ist Lasst mich da raus eine Art Hommage an einen seiner Romane“, sagt die Autorin. Auf die Analogie ihres Plans zum Rückzug des Des Esseintes, der Hauptfigur in Joris-Karl Huysmans’ Gegen den Strich, macht Mara selbst in einer ihrer Notizen, die den Text des Romans durchziehen und die Handlung immer wieder aufbrechen, aufmerksam: „Raus aus Paris, raus aus Paris, so schnell wie möglich. Fortgehen. Sich absondern.“

zoom_berenberg_book_087d97a12a97Lasst mich da raus
María Sonia Cristoff
Peter Kultz (Übers.)
Berenberg 2015
160 S., 20 €