Lob des Zweifels

„Oder: Öfter einmal selbst denken.“

„Wer sagt das? Das musst du mir erstmal beweisen.“ Ich finde Menschen, die skeptisch sind und nicht immer alles direkt für bare Münzen nehmen ja gut. Menschen, die hinterfragen und sich eine zweite Meinung einholen bevor sie eine vermeintliche Wahrheit weitergeben. Diesen Typ Mensch gab es schon immer. Kennt man. Aber wie momentan hinterfragt wird, hat damit nichts zu tun. „Die Presse schreibt doch ohnehin nur, was ihr diktiert wird.“ Das Vertrauen in die vierte Gewalt ist geschrumpft. Informationen werden sich jetzt woanders eingeholt. Quellen, die mit der sogenannten Systempresse nichts am Hut haben, gibt es ja genug. Quellen, die als unabhängig angesehen werden, die angeblich das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen. Quellen, die in Wahrheit, wenn es denn eine Wahrheit gibt, nicht nur sehr zweifelhaft, sondern voreingenommen, manipulativ und boshaft sind.

Mit Menschen, die sich auf solche Quellen berufen, zu diskutieren ist nicht einfach nur anstrengend, es ist bald unmöglich. Immer wieder verwundern mich Faktenresistenz und vorurteilsbehaftete Meinungen, die einem täglich begegnen – im „realen“ Leben, in den Kommentarspalten der Zeitungen und ganz besonders in den sozialen Netzwerken. Ich frage mich dann, wie es in einem so hoch entwickelten Land wie Deutschland sein kann, dass Populismus und Stimmungsmache so verdammt erfolgreich sein können. Sind die Menschen so verzweifelt, dass sie auf falsche Propheten hören und sich gegeneinander ausspielen lassen?

Am Ende des Tages ist doch das wahr, was wir für wahr halten, oder?

Ich muss gestehen, auch ich bin ein Zweifler. Unbedingt. Auch ich frage mich hin und wieder, ob ein Artikel, den ich gerade gelesen habe, wirklich so gut recherchiert war und die Fakten stimmen. Eine gesunde Portion Zweifel hat meiner Meinung nach noch niemandem geschadet, denn was ist das schon: die Wahrheit? Am Ende des Tages doch das, was wir als wahr erachten, oder nicht?

Der französische Philosoph René Descartes formulierte in seinem Discours de la méthode, dass wir nichts für wahr halten sollten, was nicht so klar und deutlich erkannt ist, dass es nicht in Zweifel gezogen werden kann. Um zu einer Erkenntnis zu kommen, sollte man sich also lieber auf die Vernunft statt bloß auf die Wahrnehmung verlassen. Denn die Wahrnehmung lässt sich sehr einfach täuschen. Hierzu braucht man ein Glas Wasser und einen Strohhalm.  Nimmt man den Strohhalm in die eine und das Glas in die andere Hand und hält das Glas vor den Strohhalm, wird man bemerken, dass sich die Wahrnehmung von dem Strohhalm verändert. An der Stelle, wo das Wasser den Blick auf den Strohhalm verstellt, hat er einen Knick. Zugegebenermaßen ein sehr einfaches Experiment. Übertragen wir das ganze auf ein aktuelles Thema. Nehmen wir die „Flüchtlingsfrage“ in die eine Hand und halten mit der anderen Hand vorgefertigte Meinungen, Vorurteile, Angst, Gerüchte und Stimmungsmache davor. Herauskommt ein düsteres Bild, das noch mehr Angst macht. Angst, Wut, Ohnmachtsgefühle, noch mehr Wut. „Wie kann es sein, dass die einen alles bekommen, während andere vor dem Nichts stehen?“ Solche und ähnliche Fragen kommen auf. Das Haben wird über das Sein gestellt. Der Geflüchtete wird zur Projektionsfläche der im eigenen Leben erfahrenen Ungerechtigkeiten. Und keiner will die Parallelen sehen zwischen sich und den Anderen, den Fremden, den Flüchtenden. In der Zeit schrieb Slavoj Žižek: „Respektiert die anderen nicht einfach nur, bietet ihnen einen gemeinsamen Kampf an, da unsere Probleme heute gemeinsame Probleme sind!“

Die Wahrheit gibt es nicht!

Es ist schwer, über die tatsächliche Wahrheit zu sprechen, wenn es vielfach unterschiedliche Sichtweisen und Wahrnehmungen von ihr gibt. Der Radikale Konstruktivismus, eine Art Metadisziplin, die in Neurobiologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaft begründet liegt, sagt, dass wir Menschen gar keinen Zugang zu einer ontologischen, also absoluten Wahrheit haben. Wir haben nicht die Möglichkeit, die Welt, so wahrzunehmen, wie sie objektiv ist, sondern konstruieren uns unsere Wirklichkeit.

Es ist aber auch gar nicht nötig, die absolute Wahrheit zu suchen. Der Konstruktivismus hat die Forderung nach absoluter Objektivität längst aufgegeben und stattdessen den bescheideneren Begriff der Viabilität eingeführt. Übersetzt heißt das so viel wie Gangbarkeit. Nach Ernst von Glaserfeld, der mit Heinz von Foerster als Begründer des Radikalen Konstruktivismus gilt, sind Handlungen oder Begriffe dann viabel, wenn sie zu den Zwecken oder Beschreibungen passen, für die wir sie benutzen. Und so gilt es statt eine als objektiv wahr postulierte Aussagen eine viable Wahrheit zu finden. Auch wenn ich die Wahrheit nicht kenne, eins ist mir klar: Sie ist bestimmt nicht dort zu finden, wo man auf komplexe Sachverhalte einfache Antworten und schnelle Lösungen weiß.

Eine Antwort auf „Lob des Zweifels“

  1. Herzlichen Dank für diesen Text (Lob des Zweifels).

    Ich komme gerade von der Freitag-Online-Seite und wundere mich – wieder – über die erstaunlich festen, zweifelsfreien Meinungsäusserungen dort.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.